Full text: Bau- und Baustoffindustrie (2)

Diese konnten aber schon deshalb keinen durchgreifenden Erfolg erzielen, 
weil die Preisbeschlüsse bei. dem Fehlen einer ausreichenden Verbands- 
kontrolle von den absatzhungrigen Ziegeleien durch laxe Kreditbedin- 
gungen, oder Vergütung der Transportkosten umgangen wurden. Die 
Vertragsumgehungen schufen zwischen den Mitgliedern der Preiskonven- 
tionen eine Atmosphäre gegenseitigen Mißtrauens, die sich bei der dama- 
ligen kleingewerblichen Struktur der Ziegelindustrie noch störender aus- 
wirkte als in.den von .weitblickenden Unternehmern geleiteten Groß- 
industrien. Der kartellmäßige Aufbau war deshalb in der Ziegelindustrie 
letztlich abhängig von der Schaffung ‚einer einwandfreien Kontrolle der 
Vertragsumgehungen. Diese ließ sich nur durchführen in. der Syndi- 
kateform. . 
Ausgehend vom industriellen Westen haben sich die Ziegelverkaufs- 
vereinigungen seit Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts 
über ganz Deutschland verbreitet. Während im Jahre 1900 in der Faech- 
literatur erst 56 Ziegeleikartelle festgestellt wurden, stieg die Zahl der 
Ziegelverkaufsvereinigungen bis zum Jahre 1903 auf 78, bis 1906 auf 132 
und bis‘ 1914 auf annähernd 300. Eine rückläufige Kartellbewegung 
brachten die Kriegsjahre. Der Krieg zwang durch die Verschärfung der 
Kohlennot und das Darniederliegen der Bautätigkeit den größten Teil 
der Ziegeleibetriebe zur Einstellung der Fabrikation. Mit der Zwangs- 
bewirtschaftung der Baustoffe verloren die Ziegelverkaufsvereinigungen 
zudem ihren wirtschaftlichen Sinn und wurden deshalb teilweise auf- 
gelöst. Insgesamt sollen in den Jahren 1914 bis 1918 über 40 Ziegel- 
verkaufsstellen zerfallen sein. Andererseits hat die Zwangswirtschaft 
den Verbandsgedanken selbst innerhalb der Ziegelindustrie stark geför- 
dert. Die Bestrebungen der Ziegeleigroßbetriebe, durch Bauverbote für 
Neugründungen und mit Hilfe einer staatlichen Zwangssyndizierung 
zu Zentralsyndikaten zu kommen, ließen sich allerdings nicht verwirk- 
lichen. Doch ist seit dem Kriege eine starke Bewegung festzustellen, 
die Ziegelverkaufsvereinigungen regional auf breiterer Grundlage auf- 
zubauen, Diese Konzentrationsbewegung hat neben dem Rückgang der 
Zahl der‘ Ziegeleibetriebe eine weitere Verringerung der Ziegelverkaufs- 
vereinigungen hervorgerufen. Ihr Bestand ist von 132 (Ende 1919) auf 
108 im Jahre 1927 gesunken. 
Den wirksamsten Anlaß zur Kartellbildung in der Ziegelindustrie 
gab wie in den übrigen Baustoffindustrien das Vorauseilen der Produk- 
tion vor der Nachfrage. Letztere hat sich mit der raschen Zunahme und 
dem wachsenden Wohlstand der Bevölkerung zwar gleichfalls stark, aber 
doch nicht in dem gleichen Ausmaß wie die Produktion erhöht. Die 
Überproduktion ist in der Ziegelindustrie schon in der Vorkriegszeit mit 
der maschinellen Ausgestaltung der Fabrikation, dem Aufkommen der 
Zechenziegeleien und dem Vordringen der Konkurrenzbaustoffe, Kalk- 
sandstein und Eisenbeton, zu einer Dauererscheinung geworden. In der 
Nachkriegszeit hat der Eisenbeton den Ziegel noch weiter verdrängt. Die 
Produktionskrise wurde, wie in den übrigen Baustoffindustrien, ver- 
schärft durch spekulative Neugründungen, die den Absatz der alten Fir- 
men unter Ausnutzung der Transportdifferenzen schmälerten. 
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