Full text: Bau- und Baustoffindustrie (2)

Eine Verringerung der Überproduktion durch Beeinflussung der 
Nachfrage war der Ziegelindustrie nur in ganz beschränktem Grade 
möglich. Der Umfang der Bautätigkeit wird in erster Linie nicht durch 
die Bewegung der Baustoffpreise bestimmt, sondern neben der jeweiligen 
Lage des Geld- und Kapitalmarktes durch die Zunahme und den Wohl- 
stand der Bevölkerung. Der Baumarkt ist zudem besonders scharfen 
Konjunktur- und Saisonschwankungen unterworfen. Diese treffen die 
Ziegeleibesitzer doppelt hart, wenn ihnen die Kapitalarmut die rasche 
Ausnutzung der besseren Konjunkturen und höheren Preise nicht ge- 
stattet, weil sie sich durch größere Vorverkäufe die laufend benötigten 
Mittel beschaffen mußten. Die zunehmende Einführung von künstlichen 
T'rockenanlagen seit der Vorkriegszeit ermöglicht zwar technisch eine 
kontinuierliche Produktion und die Umgestaltung der Ziegelbetriebe von 
Saison- zu Jahresbetrieben, Eine solche Umstellung wird aber, abgesehen 
von den besonderen Ansprüchen an die Tonqualitäten, wirtschaftlich 
nach wie vor behindert durch den fehlenden Absatz in den Winter- 
monaten und die dadurch bedingte Steigerung der Produktionskosten. 
Die Ziegelindustrie muß deshalb — und zwar verstärkt bei kontinuier- 
licher Produktion — in größerem Ausmaß auf Lager arbeiten. Die 
finanziellen Mittel und die Zinsen für die Vorratsproduktion sind jedoch 
von den Ziegelfabriken nur mit großen Schwierigkeiten und vielfach nur 
durch Vorverkäufe an Bauunternehmer und Händler aufzubringen. Die 
Kontingentierung der Produktion und des gemeinsamen Absatzes kann 
deshalb von den Ziegelverkaufsvereinigungen meist nur unter gleich- 
zeitiger Fürsorge für die Produktionsfinanzierung durchgeführt werden. 
Die Beleihung gestapelter Ziegel ist infolge dieser Umstände eine 
der Hauptaufgaben der Ziegelverkaufsvereinigungen. Sie ist heute noch 
dringender als in der Vorkriegszeit, weil die spekulative Ausrichtung der 
Ziegelproduktion durch die Zentralisierung und die zeitliche Konzen- 
trierung der Nachfrage weiter gewachsen ist, Während in der Vorkriegs- 
zeit der Bedarf an Ziegelerzeugnissen sich auf eine größere Zahl von 
Abnehmern aufteilte, treten in der Nachkriegszeit im Zusammenhang mit 
der mehr oder weniger behördlichen Finanzierung der Bauten vor allem 
die Behörden und die Siedlungsgesellschaften als Abnehmer auf. Da 
die Vergebung der behördlichen Aufträge an den Etat gebunden ist, er- 
gibt sich vielfach eine Zusammenballung und Plötzlichkeit der Nach- 
frage, die stärkere Schwankungen in der Ziegelerzeugung und in den 
Ziegelpreisen verursacht als die frühere Durchführung der Bautätigkeit 
nach rein privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Infolge dieser Ent- 
wicklung können die Ziegelverkaufsstellen ihre Preis- und Geschäfts- 
politik nur schwer in stabile Formen bringen. Auch das öffentliche Ver- 
zebungswesen mit seiner Tendenz, die Anbieter gegeneinander auszu- 
spielen, wirkt in gleicher Richtung. Geklagt wird schließlich seitens der 
[ndustrie recht stark über Störungen durch behördliche Regiebetriebe, 
lie vielfach als Zuschußunternehmen nicht ganz nach wirtschaftlichen 
Gesichtspunkten arbeiten sollen. Entscheidend für den Erfolg der Ver- 
kaufspolitik der Ziegelverkaufsvereinigungen ist aber letzten Endes eine 
annähernd richtige Einschätzung des kommenden Bedarfs. Sie ist heute 
bei den scharfen Schwankungen auf dem Baumarkt schwerer vor- 
J6
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.