Full text : Die freiwilligen sozialen Fürsorge- u. Wohlfahrtseinrichtungen in Gewerbe, Handel u. Industrie im Deutschen Reiche

Allgemeines  und  Spezielles  über  Entwicklung  und  Stand  der  Wohlfahrtspflege.  27

obdachlos  zu  werden.  Oft  betätigt  sich  die  Wohnungsfürsorge  für  die  Angestellten  und
Arbeiter  auch  dadurch,  daß  die  Arbeitsfirma  in  der  Nähe  der  Arbeitsstätte,  in  den  nächstgelegenen ­
  Dörfern  (z.  B.bauen  die  Buderusschen  Eisenwerke,  Wetzlar,  Eigenheime
in  einer  Art  Erbpacht)  oder  in  Vorstädten,  außerhalb  des  eigentlichen  Kontrollrayons,
Landflächen  erwirbt  und  hier  durch  Mithilfe  an  der  Bildung  einer  Baugenossenschaft
ihren  Arbeitern  Gelegenheit  gibt,  Eigenheime  oder  Genossenschaftswohnungen  zu  beziehen.
In  letzterer  Beziehung  sind  es  unter  anderen  auch  wieder  die  Farbenfabriken  vorm.
Friedr.  Bayer  &  Co.  in  Leverkusen,  die  in  dem  nahegelegenen  Wiesdorf  sowohl
eine  eigene  Arbeiterkolonie,  die  Ende  1911  240  Häuser  mit  974  Wohnungen  zählte,
als  ein  Junggesellenheim  für  175  Mann,  ferner  15  Meister-  und  Aufseherhäuser
mit  30  Wohnungen,  ein  Mädchenheim  für  30  Personen  und  46  Doppelhäuser  für  Werksbeamte ­
  errichtet  hat.  Außerdem  gewährt  die  Firma  den  Beamten  für  Errichtung  von  Eigenheimen ­
  ihre  kontrollierende  und  finanzielle  Mithilfe.  Auf  diese  Weise  wurden  im  Jahre
1912  fünf  Doppelhäuser  und  zwei  Einzelhäuser  zum  Eigenerwerb  fertig.  —  Durch  besonders
geschmackvollen  Stil  zeichnet  sich  die  Arbeiterkolonie  der  Firma  Alb.  Buß  &  Co.,  A.-G.,  in
Wyhlen  (Baden)  aus.  Die  Lokomotivfabrik  Arn.  Jung,  G.  m.b.H.,  Jungenthal  b.
Kirchen  a.  d.  Sieg  stellt  für  Eigenheime  Bauland  zur  Verfügung  und  beleiht  diese  Häuser
an  zweiter  Stelle.  —  Die  Feinpapierfabrik  J.  W.  Zanders,  Bergisch-Gladbach,  gibt  die
2.  Hypothek  für  Arbeiterhäuser  zinsfrei  her.  —  Völlig  freie  Wohnung  gewähren  ihren
Arbeitern  die  Firmen  Ed.  Löflund  &  Co.,  G.  m.  b.  H.,  Grunbach  b.  Stuttgart,  die  Pulverfabriken ­
  Cramer  u.  Buchholz,  Hannover,  mit  Gelegenheit  zur  Viehhaltung  und
zur  billigen  Erpachtung  von  Ackerland,  die  Glasfabrik  Carl  Menzel  &  Sohn,
Lommatzsch  i.  Sa.,  u.  a.  —  Die  Silberwarenfabrik  P.  Bruckmann  &  Söhne  in
Heilbronn  gründete  1897  eine  eigene  Wohnungsgenossenschaft,  zu  deren  Beitritt
sich  Arbeiter  Anteilscheine  ä  200  M.  erwerben  können.  Sie  hat  bereits  10  Häuser
mit  39  Wohnungen  im  Werte  von  260  000  M.  errichtet.  —  Bei  Kathreiners  Malzkaffee-Fabriken, ­
  Berlin,  wird  als  Mietpreis  für  die  von  der  Firma  errichteten
Arbeiterwohnungen  4%  des  Anlagekapitals  berechnet,  dieser  Mietpreis  ermäßigt  sich
je  nach  der  Dienstzeit  und  entspricht  bei  einer  zehnjährigen  Dienstdauer  nur  noch
einer  2prozentigen  Verzinsung  des  Anlagekapitals.  —  In  hervorragender  und  vielseitigster
Weise  erleichtert  die  Firma  Villeroy  &  Boch,  Hauptsitz  Mettlach,  den  Bau  von  Wohnungen ­
  für  ihre  (7161)  Beamten,  Aufseher  und  Arbeiter.  Von  den  685  erbauten  resp.  angekauften ­
  Häusern  im  Werte  von  2  602  053  M.  gingen  bereits  gegen  Zurückzahlung  von
1468  508  M.  226  in  das  freie  Eigentum  der  Arbeiter  über.  —  Eine  aus  20  zweistöckigen  Häusern
mit  Gartenanlagen  bestehende  Arbeiterkolonie,  mit  besonderem  Betsaal,  Wasch-  u.  Backhaus
usw.  hat  der  Verein  chemischer  Fabriken,  Mannheim,  errichtet.—  Die  Firma  Heinr.
Franck  Söhne,  Ludwigsburg  -  Halle  a.  S.,  sucht  mittels  Aufrufes  ihre  Arbeiter  für
Errichtung  eines  eigenen  Heimes  auf  dem  Lande  zu  interessieren,  gewährt  Baugelder,  gegen
wöchentliche  Ratenabzahlung,  übernimmt  einen  Teil  der  Fahrgelder  für  auswärtswohnende
und  gewährt  denjenigen  Arbeitern,  welche  in  Orten  wohnen,  die  mit  der  Bahn  nicht  zu
erreichen  sind,  einen  Beitrag  zum  Schuhwerk  von  1,50  M.  pro  Monat.  —  Die  Firma
Fr.  Möller,  G.  m.  b.  H.,  Gerberei  in  Brackwede,  will  für  Errichtung  von  Rentengütern
seitens  ihrer  Arbeiter  Grundstücke  unentgeltlich  zur  Verfügung  stellen.  —Mädchenheime,  mit
denen  völlige  Verpflegung  meistens  verbunden  ist,  besitzen  ferner  in  mustergültiger  Einrichtung ­
  die  Nähseidenfabriken  Gütermann  &  Co.  in  Gutach  i.  Br.  (für  Wohnung
und  Kost  täglich  60  Pf.),  die  Schoellersche  Kammgarnspinnerei,  A.-G.,  Eitorfa.
d.  Sieg  (für  Wohnung  und  Kost  täglich  45  Pf.),  welche  Firma  den  Bewohnerinnen
alle  14  Tage  freie  Eisenbahnfahrt  in  die  Heimat  bewilligt,  die  Spinnerei  Laufenmühle ­
  in  Thiengen,  woselbst  abwechslungsweise  die  Mädchen  2  Monate  ausschließlich ­
  im  Heim  verbleiben,  um  im  Kochen  und  in  der  Wirtschaftsführung  sich  zu  unterrichten ­
  usw.
            
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