Full text : Grundlinien unserer Handelspolitik

9

Kreisen  heute  noch:  Warum  sollen  wir  z.  B.  das  österreichische  und  ungarische
Getreide  teurer  bezahlen,  während  wir  aus  Amerika  dasselbe  Getreide  billiger
bekämen?  Warum  bei  uns  diese  oder  jene  Industrie  durch  ein  künstliches  Hochhalten ­
  der  Preise  mittelst  Schutzzöllen  aufpäppeln,  wenn  wir  die  Waren  dieser
Industrien  aus  anderen  Ländern  zu  niedrigeren  Preisen  beziehen  können?
Jedes  Land  habe  eben  seine  bestimmten  natürlichen  Vorzüge,  auf  diese
solle  es  sein  Wirtschaftsleben  gründen  und  alles  andere  von  den  anderen
Ländern  beziehen.  Es  solle  also  eine  gewaltige  A  r  b  e  i  t  s  t  e  i  l  u  n  g  i  n  d  e  r
ganzen  Welt  stattfinden  und  die  Vereinigung  aller  Produkte  dort,  wo  sie
gebraucht  werden,  ermöglicht  und  erleichtert  werden  durch  die  Z  o  l  l  s  r  e  itz
  e  i  t  in  allen  Ländern,  durch  den  Freihandel.  Bei  einer  solchen  Wirtschaftsordnung ­
  müßten,  so  meinen  die  Freihändler  weiter,  alle  Völker  Vorteile ­
  haben:  weil  nur  dort  gearbeitet  wird,  wo  die  betreffende  Ware  am
billigsten  und  besten  erzeugt  werden  kann,  und,  weil  ferner  die  Konkurrenz  der
ganzen  Welt  den  Preis  bestimmt  und  schließlich  die  verteuernden  Zölle  in
Wegfall  kommen,  müßten  die  Warenpreise  sich  niedriger  stellen  als  jetzt.  Was
schließlich  durch  das  Eingehen  von  jenen  Wirtschaftszweigen,  die  heute  nur
unter  dem  Schutze  von  Zöllen  sich  erhalten  können,  an  Arbeitsgelegenheit
vernichtet  würde,  das  käme  vielfach  zurück  in  dem  gesteigerten  Warenverkehr
und  -Handel.
Die  Freihändler  sind  heute  noch  lange  nicht  ausgestorben.  Abgesehen  von
manchen  Professoren  der  Nationalökonomie,  trifft  man  Freihändler  begreiflicherweise ­
  in  jenen  Wirtschaftszweigen,  die  von  der  Einführung  des  Freihandels ­
  zweifellos  Vorteil  hätten:  im  Handel  und  in  den  Verkehrsgewerben;
außerdem  aber  in  jenen  wenigen  Industrien,  welche  von  der  Natur  derart
begünstigt  sind,  daß  sie  ein  förmliches  Monopol  auch  auf  dem  Weltmärkte  besitzen. ­
  Außerhalb  dieser  Kreise  begegnet  man  Anschauungen  und  Schlußfolgerungen, ­
  wie  wir  sie  oben  dargelegt  haben,  in  den  letzten  Jahren  besonders
sehr  häufig,  wenn  die  Frage:  Teuerung  und  Handelspolitik  angeschnitten
wird.  Wenn  es  gilt,  gegen  die  Agrarzölle  Sturnr  zu  laufen,  dann  bekennen
sich  die  Sozialdemokraten  und  ihre  Freunde  im  liberalen  Lager  schnell  zu  den
Theorien  des  Freihandels.
Die  Freihandelstheorie  hat  zweifellos  etwas  Bestechendes.  Es  wäre  ja
vielleicht  ganz  schön,  wenn  eine  solche  Verteilung  der  Arbeit  auf  der  ganzen
Welt  eingeführt  würde;  aber  faktisch  ist  man  heute  von  einem  solchen  Zustande
in  der  Weltwirtschaft  weit  entfernt.  Heute  werden  die  politischen  und
nationalen  Grenzen  stark  bewacht  und  gehütet,  heute  schließen  sich  infolgedessen
die  Staaten  gegeneinander  auch  mit  hohen  Schutzzöllen  ab,  und  sucht  jeder,
in  seinem  Lande  möglichst  alles  zu  erzeugen.  Solange  der  Gedanke  des  allgemeinen ­
  Weltfriedens  nicht  Wirklichkeit  geworden  ist,  darf  man  nicht  hoffen,
daß  bei  Gewährung  des  Freihandels  wirklich  Freiheit  im  Handel  herrschte,
daß  nicht  etwa  nationale  und  politische  Strömungen  den  Boykott  der
Waren  eines  bestimmten  Landes  hervorriefen.  Der  wirtschaftliche  Grundsatz,
„für  möglichst  wenig  Kosten  möglichst  viel  Erfolg",  herrscht  nicht  immer.  Das
zeigte  sich  1908/1909,  als  die  Türken  den  Boykott  über  unsere  Waren  verhängten, ­
  und  z.  B.,  obwohl  die  Fes  fabrikation  ein  förmliches  Monopol
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.