Die Pariser Wirtschaftskonferenz. 125
lands durch England überhaupt denkbar sein? Auf eine Mitwirkung Italiens und Rußlande
wird man im gemeinsamen Wirtschaftskampf wohl oder über verzichten müssen. Und
Belgien, für dessen Unabhängigkeit England. ja angeblich in den Krieg gezogen ist? Es
bleibt auf deutsche Kohleneinfuhr angewiesen, wenn es die eigene Industrie aufıechterhalten
will, Auch dieses wird mithin den gemeinsamen Wirtschaftskampf nicht mitmachen können.
Es ist in keiner Weise auszudenken, wie von diesen drei Ländern, Rußland, 1talien
und Belgien, jene Pariser Beschlüsse zur Ausführung gelangen sollen. Bleibt also England
und Frankreich. Man könnte annehmen, daß wenigstens diese beiden sich künftig gegen-
seitig mehr förderten, daß England vor allem die Industrieeinfuhr nach Frankreich,
die bisher aus Deutschland kam, übernehmen würde. England würde dafür auch vcn
seinem lieben Freunde dessen bisherige Ausfuhr nach Deutschland für sich abnehmen. Aber
auch das ist schwer vorstellbar, Denn was England aus Frankreich beziehen kann, das
bietet ihm keinen Ersatz für die künftige Nichteinfuhr aus Deutschland: Halbzeug, chemi-
sche Produkte, Instrumente, Leder- und Papierwaren. Diese Dinge stellt ja Frankreich
gar nicht her. Wie wollen sich diese beiden Länder also gegenseitig ergänzen? Es ist
richtig, daß England den Zucker künftig nicht mehr aus Deutschland zu nehmen braucht,
sondern entweder Rohrzucker in stärkerem Maße beziehen oder russischen, beziehungs-
weise französischen Zucker kaufen kann. Aber darauf allein lassen sich doch die Handels-
beziehungen nicht aufrechterhalten, zumal Frankreich von diesem Produkt gar nicht
genug herstellt, um das englische Bedürfnis befriedigen zu können.
Anderseits wird aber auch Frankreich von dem, was es bisher aug Deutschland
bezog, künftig recht wenig aus England erhalten können. Das ist zunächst wieder Kohle
und Koks, die fast den siebenten Teil unserer Ausfuhr nach Frankreich ausmachen.
Es kann diese Stoffe wegen der Nachbarschaft wieder nicht gut entbehren. Der Bezug
aus England würde ihm weit teuerer zu stehen kommen. Es stehen forner Lederwaren,
Maschinen aller Art, Pelzzeug, chemische Erzeugnisse, gröbere Textilien in Fıage. Das
sind zum Teil Erzeugnisse, in denen Deutschland fast konkurrenzlos dasteht. Es scheint
zum Beispiel ganz vergessen zu sein, daß Deutschlands Lederindustrie eine der be-
deutendsten der Welt ist, und daß das Ausland auf diese Produkte angewiesen ist. Wie
soll denn England mit einem Male außer seinen bisherigen Produkten all diese Waren auch
noch herstellen? Oder wie soll Frankreich das tun, selbst wenn es alle möglichen Schutz-
zölle einführte? Alle solche Dinge lassen sich nicht extempocrieren. Sie beruhen auf einer
gewissen Arbeitsteilung der Kulturvölker untereinander, indem technische Einrichtungen,
Kapitalinvestierungen, natürliche Geeignetheit sich auf bestimmte Zweige eingestellt
haben und nationalwirtschaftliche Besonderheiten darstellen. Dafür braucht man in
Deutschland ebenfalls die Einfuhr von manchen gewerblichen Erzeugnissen vom Auslande.
Es sei an gewisse Arten von Textilmaschinen, an Leinengarn, Wollgewebe usw. erinnert.
England kann aber so wenig wie Frankreich außer den bisherigen Produkten noch all jene
Dinge herstellen, die Deutschland bisher ausgeführt hat. Es fehlt ihm dazu einfach an
der nötigen Bevölkerungszahl, da es eine prouletarische Reservearmee so gut wie nicht
besitzt und nach dem Krieg noch weit weniger Menschen abgeben kann. Seine industrielle
Leistungsfähigkeit wird sehr bald an der Grenze des Möglichen angelangt sein.
England braucht zudem in den meisten Industrien dieselben Rohstoffe von
auswärts wie wir. Im Gegenteil — in vielen Beziehungen (Eisenerze, Kalisalze) sind wir
besser daran als das Inselreich. Wie soll also England imstande sein, die deutschen
Produkte noch nebenbei rein quantitativ herzustellen? Das ist doch gänzlich eitel. Die
Pariser Beschlüsse sprechen. von einer Kontrolle der Rohstoffe, um sich selbst gleichsam
die Vorhand zu billigem Preise zu sichern und Deutschland, wenn nicht ganz davon aus-
zuschließen, so doch nur zu ungünstigen Bedingungen zuzulassen. Ein höchst seltsamer
Vorschlag. Die Entente verfügt ja über die Mehrzahl der Rohstoffe gar nicht! Vielmehr
muß sie ebenfalls auf dem Weltmarkte kaufen. Das bezieht sich auf Kautschuk, Baum-
wolle, Kupfer, Mineralöle, zum Teil Felle und Häute, zum Teil Holz und Seide. Ein