ufer mit elf Millionen Deutschen annektierten. Frankreich hätte keinen Frie-
den und vielleicht auch selbst keine Freiheit mehr. Ich spreche nicht von
einem italienischen nationalistischen Programm, das gegen Franzosen, Deut-
sche und Slaven gerichtet sein müßte, d.h. gegen kräftige Völker, die sich
nicht assimilieren lassen. Die siegreichen Nationen würden sich durch das
Aufnehmen fremder Elemente ihrer organischen Form berauben.
Während also die internationale Politik des Nationalismus notwendig zum
Kriege, ja zu einem dauernden Kriegszustand führt, muß sich seine innere
Politik auf die reaktionärsten Kräfte gründen. Der deutsche Nationalismus
stützte sich vor allem auf das preußische Junkertum und auf die großen
Kriegsindustriellen; er trachtete nach der gewaltsamen Vereinigung verschie-
dener Völkerschaften in Mittel-Europa. Der französische Nationalismus ist
eine mittelalterliche Idee, die auf monarchischen und religiösen Überliefe-
rungen, auf Chauvinismus und literarischen Übersteigerungen beruht. Er
ist also vor allem monarchisch. Aber in einem scharfsinnigen Land, wo die Be-
wunderung selten und das Belächeln von Übertreibungen groß ist, und wo
die betreffenden Anwärter auf den Thron eben nicht nur zum Lächeln, son-
dern zum Lachen bringen, stellt der Nationalismus nur eine vage reaktionäre
Tendenz dar. In Italien ist der Nationalismus geistig zu arm, um hervor-
gehoben zu werden. Er ist ein eingeführtes Produkt, welches der Natur der
Italiener nicht entspricht und noch nie eine Idee geschaffen hat.
Vor und während des Krieges warf man nur dem deutschen Volke seinen
Nationalismus, mehr noch die Bestrebungen seiner Nationalisten vor. Aber
nach dem Kriege hat sich der nationalistische Geist fast überall ausgebreitet.
Jedes Land, welches Gebiete verschiedener Sprachen und Nationalitäten an-
nektiert hat, will diesen die eigene Nationalität aufzwingen. Die Tschechen
wollen die Slovaken, Deutschen und Ungarn beherrschen und entnationali-
sieren. Die Rumänen erstreben das Gleiche bei russischen, ungarischen und
bulgarischen Volksteilen, ebenso die Griechen bei den verschiedensten Völ-
kern, die Polen gewaltsam bei Russen und Deutschen und ebenso die Italiener
bei den Deutschen des oberen Etschgebietes. Solche Versuche sind oft ebenso
ergebnislos wie heftig und führen am Ende zu geistigen Bündnissen jenseits
der Grenzen des Staates. Jeder Staat wird vom Nationalismus einerseits zu
großen militärischen Waffenrüstungen, andererseits zum Schutzzoll-System
getrieben. Die Finanzkrise wird nicht geringer und die der Produktion und
des Handelsverkehrs nimmt zu. Nach der Abrüstung der Besiegten steht in
Europa eine Million Menschen mehr unter den Waffen als vor dem Krieg.
Man sucht und schließt Garantie-Verträge, und niemand erkennt, daß die
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