Full text : Lebenserinnerungen

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ein  Kollaborator,  schliestlich  der  Kantor.  Line  weitere  Lntwicklung
hat  der  Verlauf  des  iy.  Jahrhunderts  gebracht.  Ls  hatte  damals
Ostfriesland  nur  zwei  volle  gpmnasien,  während  Norden  und  Leer
nur  Progpmnasien  hatten.  Das  lluricher  gpmnasium  wurde
einerseits  von  den  Söhnen  der  lluricher  Kreise,  andererseits  von  den
Löhnen  der  gutsbesitzer,  geistlichen  usw.  besucht.  Ls  ergab  sich
daraus  eine  graste  Verschiedenheit  der  Qltersklassen,  die  auswärtigen
Schüler  waren  durchgängig  erheblich  älter.  Sie  pflegten  in  Bürgerfamilien ­
  zu  wohnen  und  hatten  eine  Lebensführung,  die  sehr  nahe
an  das  studentische  Leben  grenzte.  lluch  darin  bestand  ein  Unterschied,
dast  diese  Auswärtigen  meist  niederdeutsch,  plattdeutsch,  sprachen,
während  wir  lluricher  in  unseren  Häusern  hochdeutsch  sprachen,
natürlich  bei  voller  Beherrschung  auch  des  Niederdeutschen.  Dieses
Vorwiegen  des  Niederdeutschen  hatte  gute  gründe;  ich  möchte
die  jetzt  vordringende  Bewegung  zum  Niederdeutschen  nicht  bekämpfen. ­
  Über  wir  lluricher  empfanden  doch  auch  sehr  den  Miststand,
  dast  die  deutsche,  namentlich  unsere  klassische  Kultur  leicht  wie
etwas  Tremdes  erschien;  so  war  goethe  den  plattdeutsch  sprechenden
Knaben  schwer  zugänglich,  lluch  die  Wortwahl  war  durch  diese
Scheidung  von  Hoch-  und  Niederdeutsch  sehr  beschränkt.  Ls  fehlte,
wie  überhaupt  dem  norddeutschen  Leben,  der  lebendige  Zustrom  aus
der  Volkssprache.  Wir  alle,  die  wir  im  niederdeutschen  Leben
standen,  haben  im  geistigen  Schaffen  mit  der  gefahr  einer  abstrakten ­
  Sprache  und  Denkweise  zu  kämpfen.  Wir  können  diese
gefahr  bekämpfen,  aber  es  fordert  das  volle  Lnergie  und  bewustte
llrbeit.  Ich  selbst  habe  einmal  meinen  Mitschülern  vorgeschlagen,
wir  möchten  in  der  Schule  uns  untereinander  des  Hochdeutschen
bedienen,  um  jene  Kluft  zu  überwinden.  Die  Niehrzahl  der  Kameraden ­
  trat  anfänglich  meiner  llufforderung  bei,  aber  eine  Minderzahl
hielt  fest  am  Niederdeutschen,  Tag  für  Tag  gewann  diese  Minderzahl ­
  an  Boden  und  schliestlich  den  Sieg.  Ls  erklärt  sich  das  leicht
aus  der  frischen  und  knappen,  dabei  traulichen  llrt,  die  das  Niederdeutsche ­
  besitzt.  Manche  Redensarten  und  Lieblingswendungen
sind  kaum  hochdeutsch  wiederzugeben,  lluch  ich  selbst  verwende  sie
im  häuslichen  Leben  gern.
Wenden  wir  uns  von  den  Schülern  zu  den  Lehrern.  Sie  waren
früher  überwiegend  Theologen,  die  eigentliche  Philologie  hat  erst
im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  die  volle  Herrschaft  erlangt.  Die
Lehrer  waren  mehr  Lrzieher  als  gelehrte,  aber  sie  fetzten  ihre  beste
Kraft  an  die  Sache,  und  sie  traten  in  ein  enges  seelisches  Verhältnis
zu  den  einzelnen  Schülern.  Das  Technische  trat  zurück  vor  dem
Praktisch-Moralischen,  gewisse  Mängel  waren  unverkennbar.  Die
einzelnen  Leistungen  griffen  viel  weniger  ineinander,  als  es  jetzt
gefordert  wird.  Ls  wurde  z.  B.  die  Wahl  der  Lehrbücher  zum  guten
Lucken,  Lebenserinnerungen.

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