Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Worte All beauty is truth. Und diesen Vorsprung in der 
Entfaltung des neuen Seelenlebens hat England nicht bloß 
gegenüber Deutschland, sondern bis zu einem gewissen Grade 
auch Frankreich gegenüber beibehalten bis tief ins 19. Jahr⸗ 
hundert hinein, ja in mancher Hinsicht bis auf den heutigen 
Tag: fast zwei Menschenalter, bevor es in Frankreich ein 
Kaiserreich gab, hatten die Engländer schon ihren Empirestil 
in der Baukunst; als David noch bei Boucher Amoretten malte, 
standen sie bereits auf der Höhe eines malerischen Klassizismus; 
und die großen periodischen Rundschauen des 19. Jahrhunderts 
in England, Zisternen gleichsam des geistigen Lebens, die „Edin- 
burgh Review“, begründet 1802, die „Quarterly Review“, 
begründet 1809, haben in Frankreich erst im Jahre 1831 mit 
der Begründung der „Revue des deux Mondes“ ein Gegen— 
stück gefunden. Was aber das entwicklungsgeschichtliche Ver— 
hältnis des englischen zum deutschen Geistesleben betrifft, so 
muß man sich bei Aufstellung eines richtigen chronologischen 
Maßstabes z. B. erinnern, um wie vieles früher Fielding, 
Goldsmith, Walter Scott, Dickens das nationale Leben mit 
den Augen eines Immermann, Freytag, Riehl oder Reuter 
betrachtet haben, und um wie viel zeitiger David Wilkie, der 
englische Knaus, für ein reich gewordenes Bürgertum der 
Unternehmung schuf. Im ganzen aber wird der entwicklungs⸗ 
geschichtliche Abstand der drei Nationen untereinander vielleicht 
am besten, wenn auch ein wenig zu stark durch das Empor— 
kommen der modernen Karikatur und Sittenzeichnung an allen 
drei Stellen bezeichnet. Es läßt sich in England mit Hogarth, 
in Frankreich seit dem ersten, in Deutschland seit dem vierten 
und fünften Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts beobachten. 
Für das deutsche 18. Jahrhundert war unter diesen Um— 
ständen klar, daß sein nationales Geistesleben, bei aller eigenen 
und kernhaften Entfaltung, immer und immer wieder von den 
Nationen des Westens erfolgreich befruchtet werden mußte. 
Und es war schon mit der Zeitfolge der Entwicklung gegeben, 
daß in diesem Verhältnisse vor allem England in den Vorder— 
grund trat: denn es war das frühest entwickelte Land und in
	        
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