Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

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A. Tatsachen 
harren noch große bodenreformerische Aufgaben ihrer Loösung. Was 
aber die ästhetisch-soziale Seite der Typisierungsfrage anbelangt, so 
sei darauf hingewiesen, daß frühere Zeiten bis herauf zur Mitte des 
19. Jahrhunderts den „individualistischen“ Wohnungsbau nicht oder 
doch nur vereinzelt kannten, ohne daß die ästhetische Wohnungskultur 
hierunter gelitten hätte. Die Wohnhäuser wurden immer wieder 
nach bewährten Formen errichtet, ein eigentliches „Entwerfen“ gab 
es nicht. Die aͤlteren Bauten zeigen in den verschiedensten Gegenden 
Deutschlands die gleichen Grundriß⸗ und Aufbautypen, dieselben 
einheitlichen Einzelformen der Fenster und Türen. Sie unterscheiden 
sich im allgemeinen nur in Hinsicht des Baustoffes; „in der einen 
Gegend sind die Häuser geputzt, in einer anderen in Ziegelrohbau er⸗ 
richtet; in der einen Gegend werden Pfannendächer, in einer anderen 
Biberschwanz⸗ oder Schieferdächer verwandt“x). Auch bei den übri⸗ 
gen Völkern finden sich Typenbauten in der Vergangenheit in 
großerer Zahl. „Ob man die Eskimo⸗Kalotte, ob das westfälische, 
das Schwarzwalderhaus oder die Erdwohnung der Rumänen be⸗ 
trachtet, überall findet man die Tatsache, daß auf Grund bestimmter 
zrtlicher Verhältnisse und Lebensgewohnheiten bestimmte Grund⸗ 
formen des Hauses entwickelt und dann vieltausendfach angewendet 
werden“xx). 
Vergleicht man die formalen Vollkommenheiten der alten Bauten 
mit den aͤsthetischen Ergebnissen der individualistischen „Baukultur“ 
von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, so wird man nicht 
im Zweifel sein, welcher Bauweise der Vorzug gebührt. Soziologisch 
gesehen ist überdies das Rationale des modernen Stils als Folge 
der Typisierung in seiner Objektivierung und Abstraktheit zweifellos 
der klarste und eindeutigste Ausdruck der Massengebundenheit schlecht⸗ 
x) Wilh. Lübbert, Rationeller Wohnungsbau, Beuth⸗Verlag, Berlin 1926. 
S. 23. 
8 E. May, Rationalisierung im Bauwesen, Vorträge des Reichskuratoriums 
für Wirtschaftlichkeit vom 15. 3. 1927, S. 29.
	        
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