Object: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

242 3Zwöolftes Buch. Zweites Lapitel. 
aufs Große geschaffen; im Gerät wurden sie ins Kleine wunder⸗ 
lich zugestutzt. Die Erzeugnisse des gotischen Handwerks haben 
darum etwas Unwverständliches, Unbehagliches, Unbefriedigendes. 
Dazu ist das Mobiliar dieser Zeit noch wenig formenreich; 
neben der Truhe stehen als Grundformen kaum mehr als 
Bank, Tisch und Stuhl, und die Verzierungen an besser aus— 
gestatteten Exemplaren sind zumeist eintösnig. Dies wenig an⸗— 
mutende Gerät aber nahm Zimmer ein, in denen das Licht 
sich noch mühsam durch Surrogate von Glasfenstern verschleierte 
Wege brach, und in denen der kalte Estrich nur selten durch 
Teppiche, zumeist nur durch Binsenmatten erwärmt ward. So 
fehlte jeder Ton objektiver Anregung; die Poesie der Woh— 
nung war noch nicht Gemeingut oder auch nur, wie später zur 
Zeit der Hochrenaissance, Vorrecht besseren Bürgertums. 
Und auch im AÄußeren erschienen die Häuser zwar malerisch 
in ihrem naiven Ausdruck des baulichen Bedürfnisses, vom 
Kellerhals an, der sich keck in die Straße vorstreckte, bis 
hinauf zu den Hallen und Chörlein, Lauben und Vordächern, 
Erkern und Spitzgiebeln mit den weit hervorlugenden Kranen; 
aber auf ihren prunkenden Schmuck, auf den Ausdruck höherer 
Lebenshaltung in ihrer Fassade wurde noch wenig Wert gelegt; 
noch waren Steinhauerarbeit und Schnitzwerk selten, und erst 
Geiler von Kaisersberg hatte in Straßburg über ein Haus 
zu klagen, das gemelt ist ussen und innen mit nackenden 
bildern. 
Eng beschlossen, wie das Außenleben, war auch noch der 
innere Organismus der Familie. 
Zwar die alte Organisation des Geschlechtes als der 
äußeren, allumfassenden Hülle der Familie, wie sie im ersten 
Jahrtausend unserer Geschichte bestanden hatte, war nahezu 
vergessen; im Sachsenspiegel zeigen sich eben nur noch die letzten 
Spuren eines Verständnisses für den engeren und weiteren 
Verwandtschaftskreis. Und schon war das Wirtschaftsgut der 
Einzelfamilie unter Abstreifung der früheren Rechte der Ge— 
schlechter des Mannes wie der Frau bis zum Schlusse des 
Mittelalters selbständig geworden.
	        
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