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Schön erkannte sofort den Zusammenhang zwischen dieser Handels
krise und der Agrarkrisis, die zu Anfang der zwanziger Jahre einsetzte,—
der größten Not, die die Landwirtschaft im neunzehnten Jahrhundert be
troffen hat. Er führte die Danziger Bankerotte auf das „Beharren im alten
Geleise" zurück: man hätte immer noch die alten hohen Einkaufspreise für
Getreide gezahlt zu einer Zeit, da das Verhältnis von Produktion und
Konsunltion sich zuungunsten der ersteren völlig verschoben habe. „Die
gewaltige Umwandlung der Europäischen Köpfe vom Fabrikensystem zum
Agrikulturalsysteni kam so wenig ins Oonto kinto, als sie bei verschiedenen
europäischen Gouvernements noch in Betracht kommt, und davon, daß,
wenn Völker Gedanken fassen, diese nrit ganz anderer Vehemenz durch
geführt werden, als wenn Gouvernements sie eininipfen wollen (Friedrich
der Große das Fabrikensystem), davon war nicht die Rede." Ähnlich hätten
sich auch die Gutsbesitzer verrechnet, „welche jährlich mehr Getreide bauen
und doch bei ihren landschaftlichen Kreditsystemen ans Brotmangel zählen
und daher jährlich tiefer sinken"H. Schön sah in der Agrarkrisis ein „noth
wendig in der Weltordnung liegendes Ereignis": denn die Produktion habe
sich dergestalt verbessert, daß „die Population, welche sonst der Produktion
vorangeht, nicht Schritt halten konnte und jetzt alle Länder Getreide übrig
haben"?).
Diese Theorie, gewissermaßen eine malthusianische mit umgekehrten
Vorzeichen, war damals gerade in Nordostdeutschland weit verbreitet?),
und wenn sie auch zu stark zugespitzt wurde, findet sie doch in den Tatsachen
einige Bestätigung. Infolge der Verbesserung der landwirtschaftlichen
Technik, die sich vor allem an den Namen Thaers knüpft, war die Getreide
produktion in ungeahntem Maß gestiegen. Dazu kam, daß gerade in den
zwanziger Jahren mehrere reiche Ernten einander folgten. Dies Angebot
ließ die Getreidepreise, die schon seit 1817 anhaltend gefallen waren, noch
tiefer sinken, und die Rückwirkung auf den Bodenwert blieb nicht aus^). Der
*) Schön an Hardenberg 3. Dez. 1821.
2 ) Schön an Hardenberg 24. März 1822. Aus den Papieren 1, 203ff.
3 ) So berichtet William Jakob, der im Jahre 1825 im Auftrag der englischen
Regierung die östlichen Provinzen der preußischen Monarchie, das Königreich Polen
und Galizien bereiste, um über den Kornbau in diesen Ländern Erkundigungen ein
zuziehen. Alle Welt huldige hier dem Wahne, daß Überfluß vorhanden sei; er habe
viele Kornspeicher leer gesehen, „doch überall versicherte man mir, daß weiterhin
Überfluß zu treffen sei". (William Jakob, Tracts lelating to the vorn trade and corn
laws, London 1828. p. 109.)
4 ) In Danzig betrug der Durchschnittspreis des Weizens 1816-20: 181 Tlr.,
1821—25: 87 Tlr. — Grundlegend ist die Arbeit von Arnold Ucke, Die Agrarkrisis
in Preußen während der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts. Halle 1888; sie deckt
aber noch nicht alle wesentlichen Zusammenhänge auf.