Full text: Geburtenrückgang u. Sozialreform

Hite, Geburtenrüdgang und Sozialreform 
Erirankung, Die Zahl der in deutfghen Irrenanitalten verpflegien Geifteskanken beitrug 
1914: 165000. Profefior Dr. Demme Konnte unter Gegenüberftellung der Nachon:- 
men von 10 Trinkerfamilien und 10 mäßigen Familien feititellen, daß in den 10 Trinker- 
jamilien unter 57 Kindern nur 10 normale, die übrigen 47 früh [terbend, Körperlich oder 
geiftig anormal, in den 10 mäßigen Famihıen unter 61 Kındern 50 Körperlih und geiftig 
normal und nur die übrigen 11 mit Schwächen und Gebrechen behaftet waren.) Man 
43bit in unferm VBaterlande etwa 350 000 erflärte Trunkenbolde und etwa eine Mil: 
kon unglückicher Trinkerfinder. In den Friedensjahren landeten alljährlidh mindeltens 
150000 Menjdhen in unfern ZudhthHäufern und Gefängniffen, deren Verbrechen oder 
Sergehen unter direkter Einwirkung des Alfohols verübt worden maren. Bei der Hür- 
Jarzgeerziehung find 25—28 Prozent der Fälle auf den Altohok zurücdzuführen. Die 
Vroftituierten ftammen zu 60—70 Prozent von trunkfüchtigen Eltern ab. 
Dieje Zahlen geben ein erjhütterndes Bild Körperlidher und geiftiger 
Berrüttung; fie {tellen aber nur das Ende der Entwiclung dar. Biel weit- 
greifender find die Schädigungen für Gejundheit und Sittlichteit, die 
in der Steigerung der Dispofition für Erkrankungen des Herzens, der 
Annge, der Nieren, des Magens, in der Minderung des Widerftandes 
gegen Anftrengungen, Crlältungen und Jonftige förperlide und jeelifche 
Ginwirkungen, in der Berdunklung der Einfiht. und der Schwächung 
der Willenskraft njw. fich geltend machen, deren Anteil bei Krankheit, 
Not uud Zod und fittliden VBerfehlungen 1uicht mit Zahl und Maß 
feftgeftellt werden ann und deshalb jich der {ftatiftijidhen Erfalfung 
entzieht. Das gilt insbejondere auch für die Wirkungen des Alkohole 
auf das Familienleben. Das Wirtshaus ft geradezu der Widerlacher der 
zamilie, Die ftarfen Ausgaben für Alkohol und Zigarren, die Gemöhnung 
an die Genüfte der üppigen Wirtshauskojt, die Anziehung ves Stamm- 
tifches und feiner Freunde, die mannigfachen gefelligen Felte und Ber- 
gaügungen nehmen Zeit, Neigung und Mittel, um an die Gründung eines 
einfachen, geordneten Heimes zu denken. Wber nicht bloß, daß der Altohol 
viele von der Chefdhließung abhHält: au in die. Familie drängt er fiHh als 
Yerftörer des Ölüdes, des Friedens, des wirt/haftlidhen und fittlihen Fort- 
Ichritt5 törend ein. Wieviel Geld die Väter und Söhne ins Wirtshaus tragen 
ober aud) zu Haufe und in der Fabrik für Alkohol ausgeben, wieviel dielen: 
an Zeit und Gefundheit und Erholung geopfert wird — wieviel Entfagung, 
Entbehrung felbit des Notwendigen, ja Armut und Berzweiflung in den 
Hamilien aus dem Alkoholismus erwächit, fchreit zum Simmel. Schon 
die materiellen Opfer, die der Alkohol fordert, find erjhredend. Gab doch 
das deutiche Bolk in den Friedensjahren jährlich 3,8 Milliarden Mark für be- 
raufdhende Getränke aus, während die ganze Landesverteidigung zu Waller 
und zu Lande noch keine zwei Milliarden erforderte. Wer e& vermöchte, 
unjer Bolt zur Nüchternheit zu erziehen, würde ihm einen gewaltigen 
Buwacdhs an Lebenskraft, Wohljtand, Zufriedenheit und Familienglüc 
bringen und eine neue, auch inderreidhere Zukunft unferes Volkes begründen. 
1 Eihaltuna 208.
	        
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