Full text: Grundzüge der Sozialpolitik

8. Kapitel. Einkommen aus dem Arbeitsverhältnis. 
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ganzen physischen, wirtschaftlichen nncl sozialen Existenz. Die Interessen 
der Arbeiterbevölkerung sind denn auch auf das engste mit einer 
zweckmäßigen Lösung der Lohnfrage allenthalben verknüpft, und da 
mit ergibt sich sofort die ungemein hohe Bedeutung der Lohnverhält 
nisse für die gesamte Volkswirtschaft. Auch für die Unternehmer ist 
die Lohnfrage von entscheidender Bedeutung. In dem Wert der Er 
zeugnisse ihrer Betriebe steckt ein großer Bruchteil, der lediglich auf 
die zur Herstellung aufzuwendenden Lohnbeträge zurückzuführen ist 
Nicht nur in ihren Produktionsanlagen und Produktionswerkzeugen, 
auch in ihren Rohstoffen, Brenn- und sonstigen Hilfsstoffen und in den 
fertigen Erzeugnissen sind Lohnsummen verkörpert, die oft den größten 
Teil der Herstellungskosten der Erzeugnisse darstellen. Eine allge 
meine Formel und eine einheitliche Durchschnittsziffer für diesen An 
teil läßt sich nicht feststellen. Die Verhältnisse sind von Berufsgruppe 
zu Berufsgruppe, von Betrieb zu Betrieb, von Land zu Land, von 
Ort zu Ort durchaus verschieden. Die Angaben Böhmerts, der im 
I. Bande seines Werkes über die „Gewinnbeteiligung“ (Leipzig 1878) 
auch diese Frage auf Grund tatsächlicher Feststellungen untersucht 
hat, beziffern den Anteil der Löhne an den Gesamtausgaben für die 
schließlichen Produkte in 9 verschiedenen Betrieben auf V30 (Wein 
geschäft in Bordeaux) bis 7 /‘o (Bergwerk in Whitwood). Für die 
Maschinenindustrie stellt nach den Ermittelungen von Beck (L0I111- 
und Arbeitsverhältnisse in der deutschen Maschinenindustrie am Aus 
gang des 19. Jahrhunderts, Dresden 1902) das Lohnkonto „durch 
schnittlich den bedeutendsten Teil der Produktionskosten“ dar. Bei 
Steindruckpressen war nach diesem Schriftsteller der Anteil des Lohnes 
an den Herstellungskosten 30—60 %. Aus der allgemeinen Bewegung 
des Zinsfußes, aus der Entwicklung der Kapitalanlagen und der Löhne, 
soweit vergleichbare Angaben darüber vorliegen, läßt sich als wahr 
scheinlich ableiten, daß im Verhältnis der Anteil der Löhne gegenüber 
dem des Kapitals an den Produktionskosten der Industrie in den 
letzten Jahrzehnten eine größere Bedeutung erlangt hat. Daraus 
ergibt sich, daß die Gestaltung der Löhne für die Wettbewerbsver 
hältnisse jetzt wichtiger ist als früher. Die Unternehmer sind sich 
dessen auch bewußt, Sie haben das oft genug betätigt, indem sie gegen 
Unternehmer, die infolge zu niedriger Löhne eine Schleuderkonkurrenz 
durchführten, entschieden Stellung nahmen. 
Sind so Unternehmer, Arbeiter und Volkswirtschaft an der Lohn 
frage interessiert, so sind damit an sich günstige Vorbedingungen für 
deren zweckmäßige Lösung gegeben. Es ist kennzeichnend für die 
großen Schwierigkeiten des Problems, daß trotzdem die Frage in stetem 
Flusse ist, und daß insbesondere die Anschauungen der zunächst be 
teiligten Kreise selbst nach wie vor weit auseinander gehen. Schon 
van der Borgi-it, Grundz. d. Sozialpolitik. 11
	        
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