Full text : Finanzwissenschaft

A.  XII.  Abschnitt.  Die  Zweckmäßigkeitsmomente  der  Steuer.  265

keilen  spricht  überdies  gegen  die  allgemeine  Durchführung  der
Reform,  schon  aus  dem  Grunde,  weil  in  jungen  Staatswesen,  wo
noch  keine  Grundrente  existiert,  für  die  Deckung  der  Staatsbedürfnisse ­
  nicht  gesorgt  werden  könnte.

XII.  Abschnitt.
Die  Zweckmäßigkeitsmomente  der  Steuer.
1.  In  Kurzem  soll  noch  der  Frage  gedacht  werden,  die  etwas
unfruchtbar  zu  sein  scheint,  ob  die  Steuer  ein  gutes  oder  schlechtes
Ding  ist?  Renan  sagt  in  einer  Schrift,  die  Steuer  sei  jener  Teil
des  Einkommens  der  Einzelnen,  welcher  die  beste  Verwendung  findet.
Am  begeistertsten  sprach  der  ungarische  Staatsmann  Szechenyi  von
der  Steuer,  indem  er  sagt,  daß  die  Steuer  eine  Hauptquelle  der
irdischen  Glückseligkeit  der  Völker  ist,  und  zwar  so  sehr,  daß  er
selbst  die  größte,  aber  wohl  verwendete  Steuer  als  wahren  Segen
betrachtet.  Die  wohltätige  Wirkung  der  Steuer  besteht  namentlich
darin,  daß  sie  zur  Tätigkeit  und  Sparsamkeit  aneifert  und  daß  jener
Teil  des  Einkommens,  welcher  zur  Steuerzahlung  verwendet  wird,
überhaupt  nicht  gewonnen  würde,  wenn  es  keine  Steuer  gäbe.
Namentlich  auf  niedrigerer  Stufe  der  Entwicklung  stehende  Völker
erhalten  durch  die  Steuer  einen  Sporn  zur  Tätigkeit  und  Sparsamkeit. ­
  Einen  weiteren  Vorteil  oder  besser  die  Unschädlichkeit  der
Steuer  findet  man  darin,  daß  dieselbe  doch  wieder  in  die  Taschen
der  Staatsbürger  zurückfließt.  Wir  halten  die  ganze  Frage  für
unfruchtbar,  wenn  es  sich  nicht  um  die  Relativität,  die  Vergleichung
verschiedener  Staatseinnahmen  und  deren  Berechtigung  handelt,
sondern  um  ein  absolutes  Urteil.  Denn  wo  sich  die  Notwendigkeit
einer  gewissen  Institution  ergibt,  dort  ist  die  Behandlung  einer
solchen  Frage  bloß  ein  geistreiches  Spiel.  Oder  befaßt  sich  etwa
die  medizinische  Wissenschaft  mit  der  Frage,  ob  die  Arznei  ein
gutes  oder  schlechtes  Ding  sei?  Oder  ist  es  eine  Frage,  ob  die
Zahlung  der  Hausmiete  ein  gutes  oder  schlechtes  Ding  sei,  ob  es
ein  gutes  oder  schlechtes  Ding  sei,  daß  der  Staatsbürger  Militärpflicht ­
  leisten  muß  ?  Natürlich  sind  dies  fast  ausschließlich  für  das
Individuum  mehr  weniger  unangenehme  Dinge,  das  unterliegt  ja
keinem  Zweifel.  Wenige  Menschen  betrachten  es  als  Freudentag,
wenn  sie  Steuern  zahlen.  Wenn  wir  aber  einsehen,  daß  der  Staat
            
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