Full text : Wirtschaft als Leben

Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

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spezifische  Auffassung  der  Wirklichkeit;  diese  Auffassung  die  uns  das
„Soziale“  überhaupt  erst  erfaßbar  macht,  sei  nun  in  ihren  Phasen
nochmals  durchgegangen.
Damit  uns  das  „Soziale“  erfaßlich  wird,  sehen  wir  erstens
das  Erfahrbare  nicht  in  Gestalt  von  „Erscheinungen“,  sondern  von
„Erlebungen“  vor  uns.  Es  handelt  sich  dann  nicht  um  sinnliches,  noch
um  seelisches,  sondern  ausdrücklich  um  jenes  spezifische  Dritte  Geschehen, ­
  mit  dem  sich  die  Subjekte  als  solche  bejahen.  Darum  ist  es
bis  ins  Mark  irrig,  das  „soziale“  Geschehen  als  einen  „Ausschnitt  aus
dem  Naturgeschehen  überhaupt“  hinzustellen  I  Die  Erfassung  des
„Sozialen“  ist  notwendig  an  die  noetische  Denkweise  gebunden,  die
aber  ganz  grundsätzlich  andere  Wege  geht  als  jene  phänomenologische,
bei  welcher  wieder  das  „Naturgeschehen“  erfaßlich  wird.  Zweitens
muß  uns  die  „Welt  der  Erlebungen“,  vor  die  uns  die  noetische  Denkweise ­
  stellt,  erst  noch  zur  „Welt  des  Handelns“  werden;  wir  müssen
über  das  noetisch  Erfahrbare  ausdrücklich  in  den  Kategorien  des
multipolaren  Geschehens  denken,  das  heißt,  wir  müssen  das  Dritte
Geschehen,  um  es  begrifflich  zu  erfassen,  zugleich  auf  eine  Mehrheit
von  Subjekten  beziehen.  Drittens  endlich  müssen  wir  das  multipolare ­
  Geschehen,  das  wir  hiermit  erfaßt  haben,  erst  noch  unter  einem
einseitigen  Gesichtspunkt  beschauen.  Es  muß  mit  Rücksicht
darauf  betrachtet  werden,  wie  es  im  Wege  seiner  Zusammenhänge ­
  zu  Einheiten  sich  gliedert,  deren  Andauer
kraft  der  Zusammengestimmtheit  des  Geschehens  die
Wiederkehr  des  letzteren  verbürgt.
So  leicht  es  uns  fällt,  etwas  ohne  Zögern  als  „Soziales“  zu  bezeichnen ­
  oder  etwas  „Soziales“  uns  vorzustellen,  da  wir  von  Kind  auf
für  diese  Art  Erfassung  geschult  sind,  so  setzt  dies  eben  doch  jene
dreifache  Bindung  unserer  Denktätigkeit  voraus:  erstens  an  die  noetische
Denkweise,  zweitens  an  ein  Denken  in  den  multipolaren  Kategorien,
drittens  an  eine  Betrachtung  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Equilibration
des  Geschehens,  das  will  sagen,  an  ein  stetes  Beziehen  des  Geschehens
auf  seine  Einheiten,  die  „Gebilde“  1  Es  ist  übrigens  leicht  begreiflich,
wenn  wir  dabei  weniger  das  Geschehen  selber  und  seine
Beziehungen,  als  den  Kreis  der  beteiligten  Subjekte  vor
Augen  haben.  Von  daher  auch  das  Wort  „sozial“.
Bei  der  anderen  Disziplin,  die  den  Wechsel  im  Geschehen  ins
Auge  faßt,  zielt  die  Kausalerklärung  —  um  gleich  das  Schlagwort  zu
bringen  —  auf  die  Novation  des  Geschehens  ab.  Was  uns  hier  als
Kausalerklärung  geboten  wird,  betrifft  nicht  die  Art,  wie  das  Geschehen
innerhalb  von  Einheiten,  die  sich  erst  dadurch  konstituieren,  ins  Gleich-38*

            
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