Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

berechtigt,  Zeus,  Jehova,  Gott  usw.  zu  stürzen,  wenn  Ich  kann;  .  .  *
Ich  bin  durch  Mich  berechtigt  zu  morden,  wenn  Ich  Mir’s  selbst  nicht
verbiete,  wenn  Ich  selbst  Mich  nicht  vor’m  Morde,  als  vor  einem  „Unrecht“ ­
  fürchte  .  .  .  Ich  entscheide,  ob  es  in  Mir  das  Rechte  ist;  außer  Mir
gibt  es  kein  Recht.  Möglich,  daß  es  darum  den  Andern  noch  nicht  recht
ist;  das  ist  ihre  Sorge,  nicht  Meine;  sie  mögen  sich  wehren.“ 1 )  Die  Arbeiter, ­
  die  sich  darüber  beklagen,  ausgebeutet  zu  werden,  die  Elenden,,
die  jedes  Besitzes  entbehren,  haben  nur  eins  zu  tun:  sich  selbst  dieses
Recht  zuzusprechen  und  das  Eigentum,  das  ihnen  zusagt,  zu  nehmen.
„Der  Egoismus  schlägt  einen  anderen  Weg  ein,  um  den  besitzlosen  Pöbel
auszurotten.  Er  sagt  nicht:  Warte  ab,  was  dir  die  Billigkeitsbehörde  .  ,.
schenken  wird  ...,  sondern:  Greifezu  und  nimm,was  du  brauchst!“ *  2 )  „Die
Erde  .  .  .  gehört  dem,  der  sie  zu  nehmen  weiß,  oder  dem,  der  sie  sich  nicht
nehmen,  sich  nicht  darum  bringen  läßt.  Eignet  er  sie  sich  an,  so  gehört
ihm  nicht  bloß  die  Erde,  sondern  auch  das  Recht  dazu“ 3 ).
Welche  Gesellschaft  sollte  aber  unter  solchen  Umständen  bestehen
können?  Nur  eine  einzige  ist  denkbar:  „Die  Vereinigung  der  Egoisten“,,
d.  h.  die  Vereinigung  von  Menschen,  die  sich  ihres  Egoismus  bewußt
sind  und  sich  hüten,  in  der  Vereinigung  etwas  anderes  zu  suchen,  als  eine‘
Vermehrung  ihrer  persönlichen  Befriedigungen.  Heute  beherrscht  die
Gesellschaft  das  Individuum  und  macht  aus  ihm  ihr  Instrument.  Die
Vereinigung  der  Egoisten  wird  „das  Instrument“  des  Individuums.  Es
wird  sie  ohne  Skrupel  verlassen,  falls  es  keine  Vorteile  mehr  aus  ihnen
ziehen  kann.  Ein  jeder  Mensch  sagt  dann  zu  seinem  Nächsten:  „Ich  will
an  dir  Nichts  anerkennen  oder  respektieren,  weder  den  Eigentümer,  noch
den  Lump,  noch  auch  nur  den  Menschen,  sondern  Dich  verbrauchen.“ 4 )
Dies  wird  der  „Krieg  Aller  gegen  Alle“  (S.  265)  sein,  der  nur  durch
schwankende  und  vorübergehende  Bündnisse  abgeschwächt  wird.  Aber
hierin  wird  auch  die  Freiheit  für  Alle  liegen.
Merkwürdige  und  paradoxale  Behauptungen,  die  man  nur  bekämpfen
kann,  wenn  man  den  Ausgangspunkt  Stirner’s  leugnet:  daß  das  Individuum ­
  die  einzige  Wirklichkeit  und  die  Gesellschaft  eine  Unwirklichkeit ­
  sei.  Wenn  das  Individuum  die  einzige  Wirklichkeit  ist,  dann  ist  es
richtig,  der  Gesellschaft  und  der  Nation  nur  den  Wert  einer  Abstraktion
zuzusprechen,  die  der  Mensch  geschaffen  hat,  und  die  er  nach  seinem
Gefallen  wieder  zerstören  kann.  Hierin  liegt  aber  nun  gerade  der  Irrtum-Das
  Individuum  existiert  nicht  außerhalb  der  Gesellschaft.  Es  ist  nicht
mehr  wirklich  als  sie.  Es  ist  nur  ein  Bestandteil  der  Gesellschaft  und
besteht  nicht  unabhängig  für  sich;  nicht  von  ihm  hängt  es  ab,  daß  sie

*)  Ebenda,  S.  193—194.
2 )  Ebenda,  S.  265.
3 )  Ebenda,  S.  195.
            
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