Es wäre nun falsch, anzunehmen, daß das, was man heute
geistige Arbeit nennt, seinen Ursprung vom Intelligenzproleta-
riat oder der Boheme herleitet.
Denn die geistige Arbeiterschaft – das wollen wir zu-
nächst zur vorläufigen Orientierung festhalten – stellt schon
quantitativ, der Zahl nach, heute eine große, eine beachtliche
Masse von Menschen dar, eine große Zahl von Angehörigen der
Gebildeten, die nicht zugleich Bessitzende sind, und diese Gebil-
deten nennen sich heute selbstbewußt, mit einer bestimmten
Auszeichnung, geistige Arbeiter. In dieser Bezeichnung liegt
eben eine doppelte Hervorhebung. Es ist auffällig, daß sich die
Gruppe , Arbeiter““ nennt, und es ist unterscheidend, daß sie,
die sich als Arbeiter in eine Kategorie mit den arbeitenden
Klassen stellt, doch zugleich von ihr differenziert als geistige
Arbeiter gegenüber den manuellen Arbeitern.
1. Vergangenheit
Wenn man nun zum Verständnis dieser ganzen sozialen Er-
scheinung und ihrer Neugestaltung gelangen will, muß man ge-
schichtlich vorgehen und die letzten Ursprünge dieser gesellschaft-
lichen Schicht, die heute die geistigen Arbeiter darstellt, auf-
spüren. Mein geschichtlicher Exkurs wird nicht zu weit ausholen,
aber ich glaube durch die geschichtliche Aufrollung des Problems
der geistigen Arbeit die Entwicklungslinien dieser gesellschaft-
lichen Gruppe dartun zu können.
a) Kleriker und Laie
Im früheren Mittelalter ist die geistige Arbeit völlig getrennt
von jeglicher anderer Betätigung und geschlossen organisiert.
Geistige Arbeit ist mit geistlicher Arbeit, mit der Arbeit der
Geistlichkeit, völlig identisch und sie ist losgetrennt von der
übrigen Gesellschaft in dem Gegensatz von Klerikern und
Laien. Aus diesem Zustand heraus entspringt der geistige Ar-
beiter zuerst in dem Maße, wie das Laienstudium Plat greift,
wie die Universitäten von Laienstudenten besucht, mit Laien-
lehrern besetzt werden. Das tritt erst in dem Augenblick ein,
wo die Universitäten der Kirche entzogen, entkirchlicht, verstaat-
licht und später nationalisiert werden. Es ist das Zeitalter des
Humanismus, das das Laienstudium, die Laienwissenschaft und