Full text : Theoretische Sozialökonomie

$38. Das Angebot v. Arbeit als bestimmt d. d. Arbeitsangebot pro Arbeiter. 325
Beziehung in keiner anderen Weise, als jeder Kaufmann tut, der doch
nicht in schlechten Zeiten den Preis seiner Waren unbegrenzt herabsetzt,
 um unbedingt einen Absatz zu erzwingen. Auf jedem Markt muß
bei vorübergehend trägem Absatz eine gewisse Zurückhaltung des Angebots
 beobachtet werden, wenn nicht der Markt schwer geschädigt,
oder, wie man sagt, „demoralisiert‘‘ werden soll. Dies verstehen auch
die Arbeiter ganz instinktiv. In ihrer Zurückhaltung des Angebots
werden sie noch bestärkt durch die wenigstens bei hochstehenden Völkern
verbreitete Auffassung, die in einem niedrigen Lohne ein persönlich
herabsetzendes Moment sieht. Die Arbeitslosen werden ferner in ihrem
Festhalten am vollen Lohn von ihren Genossen moralisch und materiell
unterstützt. Nicht selten werden sie auch von denselben Genossen
durch geeignete Zwangsmittel von einem Unterbieten auf dem Arbeitsmarkt
 abgehalten. Oft findet man, daß in Saisonberufen ein höherer
Arbeitslohn vorherrscht, als in ähnlich kontinuierlich arbeitenden
Berufen. Dieser höhere Lohn ist gewissermaßen Bezahlung für die
Wartezeit, woraus es sich erklärt, wie es den Arbeitern in toten Zeiten
möglich ist, ihre Arbeitskraft in genügendem Grade zurückzuhalten.
Es findet also in großem Umfang eine künstliche Beschränkung des
Arbeitsangebots statt, und es gelingt den Arbeitern dadurch eine bestimmte
 Knappheit des Produktionsfaktors Arbeit auch in Zeiten, wo
ein Überfluß an Arbeitern und also eine gewisse Arbeitslosigkeit vorhanden
 ist, aufrechtzuerhalten. Dies geschieht immer; das Bestreben
gelingt aber natürlich vollständiger für organisierte Arbeiter, besonders,
wenn sie mit Unterstützungskassen ausgerüstet sind. Nur durch eine
so hergestellte Knappheit der Arbeit läßt sich überhaupt eine Gleichgewichtslage
 bei Zahlung eines gewissen Arbeitslohns unter gleichzeitig
 herrschender Arbeitslosigkeit theoretisch erklären.
Man findet auch Bestrebungen innerhalb der Arbeiterwelt, durch
Beschränkung der dargebotenen Arbeitsmenge die Knappheit der
Arbeitskraft dauernd zu steigern, um somit einen höheren Lohn zu erreichen.
 Die Forderungen auf Verkürzung der täglichen Arbeitszeit,
welche, wie wir eben gesehen haben, im wesentlichen einen anderen
Zweck haben, werden mitunter auch durch solche Rücksichten begründet,
Um die Aussichten solcher Bestrebungen theoretisch beurteilen zu
können, wollen wir voraussetzen, daß die Gruppe von Arbeitern, welche
in dieser Weise ihren Lohn zu steigern sucht, Vollständig beschäftigt ist.
Eine Beschränkung -der individuellen Arbeitsmenge muß dann die
Produktmenge vermindern. Die Voraussetzung, daß die Effektivität der
Arbeit der kürzeren täglichen Arbeitszeit entsprechend gesteigert wird,
ist nämlich hier ausgeschlossen, da sie mit der Voraussetzung einer gesteigerten
 Knappheit der Arbeitskraft unvereinbar ist. Wünscht man
unter den genannten Voraussetzungen zum angegebenen Zwecke eine
verschärfte Knappheit der Arbeitskraft herbeizuführen, dann muß man
            
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