Full text: Vom Wirtschaftsgeist in Amerika

34 Bewertung der Muße 
In der Public Library in Chicago hängt im Korridor ein großes 
Plakat mit der Inschrift: „Müßiggang ist ein natio- 
naler Verlust; wenn jemand nicht arbeitet, so 
leidet das ganze Volk.‘ Wer arbeiten kann, hat zu ar- 
beiten; tut er es nicht, so versündigt er sich an den ameri- 
kanischen „Idealen“ und wird als Schmarotzer betrachtet. So 
fehlt denn in Amerika — und mit Stolz weist man darauf hin 
— ganz jene Klasse, die man in England als die leisure-class 
zu bezeichnen pflegt, eine soziale Schicht, die der eigentlichen 
Arbeit enthoben, sich mit Politik, Wissenschaft oder Kunst, 
irgendeinem Dilettantismus beschäftigt, daneben in Sport und 
gesellschaftlichen Veranstaltungen ihr Vergnügen findet. Der 
Gentlemen ist ja ein Mensch, zu dessen Wesen es gehört, daß 
er nicht eigentlich arbeitet, und als man einer jungen Ameri- 
kanerin davon sprach, erwiderte sie: „Solche Leute haben 
wir auch, wir nennen sie Bummler“ 52, Sie gab hiermit sicher- 
lich der herrschenden Meinung Ausdruck. Mit der Begrün- 
dung, daß geschrieben stehe: „Bete und arbeite!‘ hat man 
1923 auch den Indianern die ihnen so lange gewährten Ren- 
ten und Rationen entzogen. Daß Zeit Geld sein kann, haben 
die Amerikaner wie wenige begriffen, daß aber umge- 
kehrt auch Geld Zeit bedeutet, ist ihnen noch nicht zum 
Bewußtsein gekommen, weil ihnen das Verständnis für jede 
zweckfreie Betätigung abgeht. Auch der reiche Mann muß 
in den Sielen sterben, der Beruf des Rentners war lange Zeit 
so gut wie unbekannt. Wenn sich schließlich in Los An- 
geles eine größere Zahl von ihnen zusammenfand, so daß
	        
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