Full text: Vom Wirtschaftsgeist in Amerika

46 Das Verhältnis zum Gelde 
Jahre, im vergangenen Monat „gemacht“ hat. „Success“ ist 
immer gleichbedeutend mit Geldverdienthaben. Die Frage: 
Wie geht es Ihnen? wird ohne weiteres auf die momentane 
pekuniäre Lage bezogen; der eine ist eine halbe Million Dollars, 
der andere nur 100 000 Dollars „wert“. Dazu die Stellung 
der reichen Leute, die Aufmerksamkeit und Bewunderung, die 
man ihnen entgegenbringt. Alles wird in Geld ausgedrückt, 
in den Zeitungen wimmelt es von Dollars: ein neues Gebäude 
ist ein 10 Millionen-Bau, ein Feuer ein ı Millionen-Feuer, 
ein heftiger Regen ein ı Million Dollar-Regen, ein Gemälde 
ein 100 000 Dollar-Tizian. 
Der Engländer, meint Chesterton ®, und er gibt hier einer 
gesamteuropäischen Auffassung Ausdruck, möchte so viel Geld 
haben, daß er in der Lage ist, es zu vergessen. Er schaltet 
geflissentlich die Erörterung von Geldfragen im nicht-ge- 
schäftlichen Umgang aus, verpönt sie in der Unterhaltung 
und findet sie nur bei denen entschuldbar, die nichts denken 
können wie Geld, bei den armen Leuten; der materielle Hinter- 
grund der Existenz wird in einem Halbdunkel gelassen, und 
diese Verbergung so weit getrieben, daß die einander Nächst- 
stehenden, die Mitglieder der Familie, die besten Freunde, 
über diesen Punkt oftmals Zeit ihres Lebens wechselseitig 
im unklaren bleiben. Dem Amerikaner dagegen ergeht es ähn- 
lich wie Midas: alles, was er berührt, wird ihm zu — Geld, 
nur darf man hieraus nicht den Schluß ziehen, daß das 
Geld als solches das erste Ziel seines Lebens und Strebens sei. 
Ja, Kenner, denen man eine Urteilsfähigkeit zusprechen muß,
	        
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