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entschieden, daß es ihm an den Qualitäten fehlt, die die
anderen in die Höhe gebracht haben, es mangelten ihm die
„six „I‘s of success‘: Integrity, industry, intelligence, initia-
tive, intensity, inspiration, und so wird die Armut zur per-
sönlichen Schuld. Von einem Mitleiden mit dem Besitzlosen
wird man daher nicht leicht angekränkelt werden, eine psy-
chische Bedrückung durch den Anblick von Armut wird sich
auch in einem Lande nicht einstellen können, in dem das Gros
der Bevölkerung sich in einem gewissen Wohlstand befindet;
wo nur das Recht des Stärkeren und der Erfolg gelten, wird
der das Brandmal des Mißerfolges zur Schau Tragende nicht
das „ungesunde Bedürfnis nach gerechtem Ausgleich‘, „jene
Form von Reichtums-Neurasthenie“ 91 erwecken können. Die-
ser Ausgleich ist ja bereits vollzogen, indem der Tüchtige reich
und der Untüchtige arm geworden ist. Der Europäer außer-
halb des angelsächsischen, spanischen und osteuropäischen
Kulturkreises sieht zwar auch in dem Armen und Bettler meist
nur den nicht arbeiten Wollenden, aber er fühlt doch auch
ein wenig in ihm das Opfer ökonomischer Gesetze, die ihn
niederhalten, ihm ein Emporsteigen erschweren und unmög-
lich machen, und so wird seine Stellung am besten gekenn-
zeichnet durch den Nietzscheschen Satz: „Bettler sind immer
unangenehm, man ärgert sich zu geben und nicht zu geben“.
Für die Auffassung des Amerikaners gälte viel eher ein anderes
Nietzschewort: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen.“
Er blickt nur auf das Manko in der Persönlichkeit, ihm muß
der have-not nur als eine Hemmung für den Erfolgreichen