Full text: Vom Wirtschaftsgeist in Amerika

60 Der Arme 
entschieden, daß es ihm an den Qualitäten fehlt, die die 
anderen in die Höhe gebracht haben, es mangelten ihm die 
„six „I‘s of success‘: Integrity, industry, intelligence, initia- 
tive, intensity, inspiration, und so wird die Armut zur per- 
sönlichen Schuld. Von einem Mitleiden mit dem Besitzlosen 
wird man daher nicht leicht angekränkelt werden, eine psy- 
chische Bedrückung durch den Anblick von Armut wird sich 
auch in einem Lande nicht einstellen können, in dem das Gros 
der Bevölkerung sich in einem gewissen Wohlstand befindet; 
wo nur das Recht des Stärkeren und der Erfolg gelten, wird 
der das Brandmal des Mißerfolges zur Schau Tragende nicht 
das „ungesunde Bedürfnis nach gerechtem Ausgleich‘, „jene 
Form von Reichtums-Neurasthenie“ 91 erwecken können. Die- 
ser Ausgleich ist ja bereits vollzogen, indem der Tüchtige reich 
und der Untüchtige arm geworden ist. Der Europäer außer- 
halb des angelsächsischen, spanischen und osteuropäischen 
Kulturkreises sieht zwar auch in dem Armen und Bettler meist 
nur den nicht arbeiten Wollenden, aber er fühlt doch auch 
ein wenig in ihm das Opfer ökonomischer Gesetze, die ihn 
niederhalten, ihm ein Emporsteigen erschweren und unmög- 
lich machen, und so wird seine Stellung am besten gekenn- 
zeichnet durch den Nietzscheschen Satz: „Bettler sind immer 
unangenehm, man ärgert sich zu geben und nicht zu geben“. 
Für die Auffassung des Amerikaners gälte viel eher ein anderes 
Nietzschewort: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen.“ 
Er blickt nur auf das Manko in der Persönlichkeit, ihm muß 
der have-not nur als eine Hemmung für den Erfolgreichen
	        
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