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So etwa hat von Scheel die sociale Frage sormulirt, und diese Fassung ist
bis heute in der Wissenschaft allgemein acceptirt.
„In der That, die Socialdemokratie will nichts anderes, als die »Denw-
kratisirung« der »socialen« Ordnung. Die heutige »monarchische« Leitung der
Production und der Vertheilung durch private Unternehmer erscheint ihr als ein
eben so verwerflicher Absolutismus und Despotismus, als auf politischem Ge
biete der Absolutismus der Fürsten. Auch Production und Vertheilung soll als
»sociale Function«, wie Lassalle sich ausdrückt, gelten und eben so gut der pri
vaten Beherrschung entzogen werden, wie Gesetzgebung, Rechtsprechung und Po
lizei; sie soll auch in die Hand »des Volkes«, d. h. Aller gelegt werden.
„Eine solche demokratische Arbeitsordnung, wie die Socialdemokratie sie er
strebt, ist nun einfach unmöglich und wird auch für absehbare Zeiten nicht
möglich werden. Hier — in der praktischen Unmöglichkeit — liegt »die ver
wundbare Stelle« der Socialdemokratie. Die Production erfordert eine Unter
ordnung und Disciplin, eine Stetigkeit der Entwickelung, wie sie mit demokra
tischer Ordnung nicht vereinbar ist. Die politische Demokratie bringt Partei-
kampfe und Convulsionen, welche das wirthschaftliche Leben nicht verträgt. Das
Arbeitsleben, die wirthschaftliche Production, erfordert den ganzen ungetheilten
Menschen, einheitliche, jeder Discussion überhobene Directive.
„Die Socialdemokratie kann kein einziges Beispiel einer umfassendern demo
kratischen Arbeitsorganisation anführen. Selbst die Productivgenossenschaft ist
nur unter ganz bestimmten, günstigen Verhältnissen möglich, und auch da nur
sehr sporadisch, bei sittlich >vie geistig hervorragenden Arbeitern.
„Die heutige Socialdemokratie hat auch schon längst den Glauben an die
Productivgenossenschaft verloren. Nur ans Rücksicht ails die Lassallenner und aus
Agitationszwecken hat diese überhaupt noch in das Gothaer Programm Aufnahme
gefunden. Marx hat von dem Lassalle'schen Vorschlag »Gründung von Productiv
genossenschaften mit Staatshülfe" nie etwas wissen wollen. Und wie der Brief
wechsel Lassalle's mit Rodbertus klarlegt, hat selbst Lassalle die Productivgenosseu
schast nur als Trumpf aufgespielt, um den Arbeitern doch etwas Greifbares vor
schlagen zu können. Wenn Rodbertus etwas Besseres wüßte, erklärte Lassalle, so
sei er gern bereit, dasselbe zu acceptiren; auch ihm erscheine die Productivgenossen-
schaft ein »schwerfälliger Mikrokosmus«.
„Das von den Socialdemokraten Marx'sch er Richtung unverblümt, von
Lassalle indirect ausgesprochene radical-socialistische letzte Ziel ist und bleibt der
alle Productionsgebiete umfassende Staats-Socialismus. Dieser socialistische
Staat soll aber wieder durchaus demokratisch organisirt sein, — also wieder
demokratische Arbeitsorganisation. Wenn aber eine demokratische Arbeitsorgam-
sation selbst im kleinern Kreise, in der Productivgenossenschaft nicht möglich ist,
wie soll sie dann im Großen, im »Staate« realisirbar sein? Hier ist der innere
Widerspruch, der schon gleich in dem Worte »Socialdemokratie« sich ansspricht;
»Socialismus« und »Demokratie« sirrd Gegensätze, in der extremen Gestaltung,
wie die Socialdemokraten sie wollen, unvereinbar; extremen Staatssocialismus
und extremen Individualismus zugleich wollen, namentlich im wirthschaftlichen
Leben, ist ein Unding — ist Blindheit oder Betrug.