919] Die gesamte heutige Einkommensverteilung. 461
größesten Einkommen nehmen viel stärker zu als die mittleren und kleinen, der Gegen⸗
— ergeben sich ähnliche Resultate.
Bereits Engel hat nun aber schon 1875 darauf aufmerksam gemachi, daß sich die ein—
zelnen Einkommensklassen nicht in sich vermehren, sondern daß überwiegend bestimmte
Teile der niederen in die oberen Klassen aufsteigen. Je mehr dies in den unterften
Stufen stattfindet, desto weniger nehmen sie zu; sie bleiben ftabil, ja gehen auch mal
zurück; das ist aber ein Fortschritt. Das Aufsteigen in die mittleren und oberen Klassen,
deren jede höhere schwächer besetzt ist, muß die Folge haben, daß wenn von jeder in
die nächst höhere z. B. 100 aussteigen, dies für jede folgende eine größere prozentuale
Zuwachsrate giebt, weil sie an sich geringer befetzt ist. Und stets muß die prozentnale
Zuwachsrate der obersten Stufe in ganz anderem Vichte erscheinen als alle übrigen, da
sie ihre reicher gewordenen Glieder nicht mehr an eine Oberstufe abgiebt. Man hat
daher mit Recht gesagt, diese ganze Berechnung prozentualer periodischer Zuwachsraten
der Einkommensstufenbesetzung gebe ein falsches Bild; es sei richtiger, für zwei Zeiten
nur zu berechnen, welchen prozentualen Anteil jede Einkommensstufe an der Gesamt⸗
heit der Einkommensbezieher oder Steuerzahler ausmache; z. B. für das Königreich
Sachsen zu sagen: von den Einkommenssteuerpflichtigen machten aus
die mit einem Einkommen von 800—800 Mtk. 1879 76,80/0, 1894 65,8040
8003300 209 8314
u u 3300 9600 u u 28 u u 28 u
* über 9600 , 0,5, F 0,33
Nach diesem Zahlenbilde nahm die unterste Stufe ab, die drei anderen nahmen
zu; aber die mittleren am stärksten. Der Satz vom Verschwinden des Mittelstandes
kann also nicht allgemein wahr sein; die Zunahme der beiden obersten Stusen hat
nach diesem Zahlenbilde gar nichts Beängstigendes.
Die preußischen physischen Einkommensteuerpflichtigen stellten sich neuestens in
Tausenden solgendermaßen; es gab solche
mit Einkommen von
900 ⸗8000 Mk.
3000 - 6000
6000 - 9500
„9800- 80 500
30 500 - 100 000
u über 100 000
1898
2118
N⸗
1902 absolute Zunahme
3310 1208
291 87
77 22
64 18
18 4
2.7 —74
Die Hauptzunahme der größeren Einkommen erfolgt in Aufschwungsperioden wie
18895— 1900; 1893 -1895 dagegen nahmen sie nicht unbedeutend ab, 1901/2 ebenso
wieder. Die früheren Blüteperioden 1830—5 1837, 1868 1874 waren ebenso die der
Hauptzunahme der Reichen. Aber die vorstehende Tabelle zeigt, daß auch die anderen
Klaffen erheblich an Umfang zunahmen, die meisten um die Hälfte oder ein Drittel der
Zahlen von 1893. In der einem Aufschwung solgenden Generation verteilen sich eine
erhebliche Zahl der großen angesammelten Vermögen wieder durch das Erbrecht und
andere Umstände. In der Zeit ruhiger oder gar stagnierender Entwickelung steigen
die Fähigsten nicht so über die anderen empor. Und Ähnliches gilt von den Völkern
mit langsamer Vorwärtsbewegung; die Englaänder und Nordamerikaner haben mehr reiche
Leute und große Einkommen als die meisten mitteleuropäischen Nationen, weil sie
wirtschaftlich am raschesten sich entwickelten.
Ein gewifses Zusammenschwinden des Mittelstandes läßt sich 1700 — 1900 für
die meisten Länder und für bestimmte Jahrzehnte nicht leugnen; aber ebenso wenig
trifft die Erscheinung allgemein zu, wie schon die oben angeführten fächsischen und
preußischen Zahlen zeigen. Im größeren Teile Deutschlands und Frankreichs, Skandi—
naviens ist der mittlere kleinere Bauernstand von 1700 — 1880 — wohl meist durch
agrarisch⸗ monarchische Regierungsmaßregeln — erhalten worden; er hat dann zeitweise