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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
1855 schuf Napoleon III eine sechste Klasse von zehn Mit
gliedern für Politik, Verwaltung und Finanzwesen. 1866 wurde
diese Klasse jedoch wieder aufgelöst und ihre Mitglieder auf
die andern Klassen verteilt. Diese haben seither je acht Sitze.
Die meisten der hervorragenden Anhänger der liberalen
Schule sind Mitglieder der Académie des Sciences Morales et
Politiques gewesen. Wir finden da die Namen Bossi, Villermé,
Ad. Blanqui, L. Faucher, Hippolyte und Frédéric Passy, Garnier,
M. Chevalier, Wolowski, L. de Lavergne, de Molinari, Courcelle-
Seneuil, Horace und Léon Say, M. Block, Levasseur, Paul Leroy-
Beaulieu, R. Stourm, A. de Foville, P. Beauregard usw. Da die
Ergänzung der verschiedenen Klassen der Akademie auf dem
Wege der Kooptation geschieht, ist es für die liberalen Volks
wirte ein Leichtes gewesen, allen anders Denkenden den Eintritt
in die Akademie bis auf den heutigen Tag zu verwehren.
Das Hauptaktionsmittel der Académie des Sciences Morales
et Politiques sind die jährlichen Preisausschreiben. Die national
ökonomische Klasse verfügt über ein Dutzend zum Teil recht
hoher Jahrespreise. Diese üben eine bedeutende Zugkraft
aus. Da natürlich für die Beurteilung der eingelieferten Ar
beiten die Stellungnahme zur klassischen Lehre in erster Linie
maßgebend ist, so erweisen sich die Preisausschreiben als ein
vorzügliches Mittel, den Nachwuchs der liberalen Schule zu
sichern.
Ecole libre des Sciences Politiques. Diese Anstalt ist
eine private, von Boutrny 1871 als Ersatz für die 1869 ein
gegangene Ecole d'Administration gegründete, staatswissen
schaftliche Hochschule. Sie hat zum Zweck, die nötige
Vorbildung zum hohem Staatsdienst in den verschiedenen
Verwaltungszweigen, sowie zu den hohem Stellungen in Privat
betrieben: Banken, Eisenbahngesellschaften usw. zu vermitteln.
Als Lehrkräfte sind in der Hauptsache höhere Staats- und
Privatbeamte, sowie Universitätsprofessoren nebenamtlich an der
Anstalt tätig. Der Geist, der diese beseelt, ist der des libe
ralen Nichtinterventionismus. Der nationalökonomische Unter
richt an derselben liegt ausschließlich in den Händen von libe
ralen Volkswirten (JE. Levasseur, A. de Foville, B. Stourm, R. G.
Levy, Pierre Leroy-Beaulieu, Zolla), sowie von sinnesverwandten
Schülern Le Plays (Cheysson). Seit dem Tode Boutrnys (1905)