Object: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

12. Der Kongreß Deutscher Volkswirte. 
29 
Versammlung und der Aufstellung eines Programms und Statuts machen, erreichten 
jedoch, daß die Debatten darüber in einer Vorversammlung am Abend vor der Haupt 
versammlung zu einem befriedigenden Abschluß kamen, und daß man einen Ausschuß 
ernannte, welcher, unter Berücksichtigung der in der Vorversammlung erörterten An 
sichten, den Gothaer Statutenentwurf revidieren und gleich bei Eröffnung der ersten 
Sitzung der Hauptversammlung vorlegen solle. Die erste öffentliche Hauptversammlung 
nahm einen überraschend günstigen Verlauf. Während es am Abend vorher noch 
zweifelhaft gewesen war, ob das erste Zusanunentreffen deutscher Volkswirte nur als 
eine Vorversammlung zur Beratung von Grundrechten, Statuten uud anderen Form- 
fragen zu betrachten sei, und ob ein Kongreß erst im künftigen Jahre zusammentreten 
solle, war die erste Hauptversammlung am 20. September schon nach Verlauf einer 
halben Stunde ein wirklicher Kongreß. Das vom provisorischen Ausschuß vorgeschlagene 
Statut wurde ohne Diskussion en bloc einstimmig angenommen. Danach sollte kein 
Verein, sondern ein Kongreß mit Wanderversammlungen begründet und eine ständige 
Deputation zur Vorbereitung desselben gewählt werden. Man ging, ohne sich in 
doktrinäre, nutzlose Prinzipienstreitereien zu verlieren, sofort in die Beratung praktischer 
Fragen ein und konnte gleich die ersten beiden Hauptfragen über die Gewerbefreiheit 
und über das Assoziationswesen ziemlich rasch erledigen, weil über jede dieser Fragen 
umfassende Vorarbeiten und Berichte vorlagen. Man war beinahe einmütig darin, 
daß dem Arbeiter eines der ersten Menschenrechte — die Freiheit der Arbeit — nicht 
länger vorenhalten werden dürfe, daß aber andererseits an Stelle der durch die moderne 
Technik überwundenen Zünfte die freiwilligen Genossenschaften dem Gewerbetreibenden 
vorwärts helfen müßten. Mit Einstimmigkeit bereitete der Kongreß den uneigennützigen 
Bestrebungen von Schulze-Delitzsch einen wohlverdienten Triumph und forderte das 
deutsche Volk zur Einführung dieser Organisationen auf. 
Größere Schwierigkeiten und Differenzen als die Gewerbe- und Assoziationsfrage 
bot in Gotha die Zollfrage, in welcher der Gegensatz von Schutzzöllnern und Frei 
händlern schon scharf hervortrat. Der Gothaer Kongreß hatte drei Ausschüsse, für 
das Gewerbewescn, für das Genossenschaftswesen und für das Zollwesen, ernannt 
und zur Sammlung von Material und zur Vorbereitung künftiger Verhandlungen 
beauftragt. Der österreichische Schutzzöllner Or. Kreutzberg warnte nun bei Beratung 
der Zollfrage vor einem Beschlusse, der die deutsche Arbeit der Konkurrenz vor 
gerückterer Länder preisgebe, und riet, zur Vorbereitung eines Tarifs auch Schuhzöllner 
zuzuziehen und den Tarif so einzurichten, daß er die Vergrößerung des Zollvereins 
erleichtere. Auch Staatsrat Mathy hielt die Versammlung noch für viel zu jung 
und die Zollfrage noch für viel zu wenig reif, um schon die Aufstellung eines voll 
ständigen Tarifs wünschen zu können. Werde nun ein Zolltarif vorweg zum Gegen 
stand des nächsten Kongresses gemacht, so müßte dies den günstigen Eindruck der ersten 
Kongreßversammlung schwächen und könne den Kongreß wohl gar auseinandersprengen. 
Er schlage daher vor, die Zollfrage der ständigen Deputation des Kongresses zur ge 
neigten Berücksichtigung zu überweisen. 
Rudolf v. Bennigsen, der sich schon im Jahre 1858 einen Namen als 
hervorragender Politiker gemacht hatte und sich in Gotha an den Sektions- und Plenar 
versammlungen lebhaft beteiligte, bewies auch in der Zollfrage sein Geschick, verschiedene 
Standpunkte miteinander zu versöhnen und die Erreichung praktischer Ziele zu fördern. 
Er stellte folgenden Antrag: „Der Ausschuß für das Zollwesen hat zeitig vor der 
nächsten Versammlung deutscher Volkswirte seine Arbeit der ständigen Deputation, 
womöglich bereits gedruckt, vorzulegen zur Erwägung darüber, ob und inwieweit diese 
Arbeit auf die Tagesordnung des nächsten Kongresses zu stellen sei." Dieser Antrag 
v. Bennigsen, dem sich der Berichterstatter über die Zollfragen anschloß, wurde ein 
stimmig angenommen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.