Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 169 
Können der deutschen Malerwelt noch drei Generationen nach 
den van Eycks: flache Modellierung, fahlen Ton und eine 
Besamtwiedergabe des menschlichen Körpers nach den Forde— 
rungen der zeitgenössischen Mode. So war es schon viel, 
wenn die niederländische Malerei fast ein Jahrhundert nach 
den van Eycks noch gleichmäßig fortblühte, auch ohne sich 
wesentlich weiter zu entwickeln. Das geschichtliche Interesse 
knüpft sich unter diesen Umständen mehr als sonst an die 
Individualität der besten Meister, von Rogier van der Weiden 
dis auf Jan Joest und Gerhard David van Oudewater. 
Rogier van der Weiden (RKogeélet de la Pastureé) ist ein 
Kind der französisch-deutschen Grenze; er ist zu Doornik (Tour⸗ 
nay) geboren. Die Jahre reifer Manneskraft aber hat er zu 
Brüssel verlebt, wo er auch (16. Juni 1464) gestorben ist. 
Rogier, der ganz auf dem Boden der technischen und ästheti— 
schen Errungenschaften der van Eycks steht, ist der Mann der 
Bewegung, des Affekts, der Leidenschaft; im vollen Gegensatze 
steht er zu den kontemplativen van Eycks, die mehr dem 
zgegenständlich Ruhigen, Gemütvollen und Tieffinnigen, gleich— 
sam malerisch Sinnlichen zuneigen. Darum tritt bei ihm die 
Farbenstimmung zurück vor dem Zeichnerischen und der Kom— 
position; er ist der Cornelius der deutschen Malerei des 
15. Jahrhunderts. Gern giebt er seinen gedrungenen Ge— 
stalten den gröberen Typus der Wallonen und setzt an die 
Stelle der alten Responsion die plastische Gruppenbildung, wie 
besonders in seiner viel nachgeahmten, einst in Löwen be— 
findlichen Kreuzabnahme, die jetzt sich im Museo del Prado in 
Madrid befindet. Und stets fast liebt er im Farbenton eine 
kühle Grundstimmung, die an die harte Luft eines klaren 
Herbstmorgens erinnert. 
In eigenartigem Gegensatz zu Rogier entfaltete sich das 
Talent des ersten großen holländischen Meisters dieser Periode, 
des Dirk Bouts. Bouts stammte aus Haarlem, lebte aber 
später in Löwen, wo er 1475 gestorben ist. Eines der be— 
deutendsten unter seinen erhaltenen Werken ist der Sakraments— 
altar, den er in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts
	        
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