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Nikolaus Cusanus.
Bestimmung und Unterscheidung bei; vielmehr ist es die Ver -
nunft selbst, die in dem sinnlichen Material erst die festen Ab-
grenzungen und Sonderungen vollzieht: ratio sensu ut instru-
mento ad discernenda sensibilia utitur, sed ipsa est quae in
sensu sensibile discernit.®) So sehen wir, dass das empi-
rische Weltbild, in dem uns die Gegenstände bereits als einzelne
gesondert entgegentreten, schon ein Produkt aus dem Zusammen-
wirken von Wahrnehmung und Begriff ist. Die Leistung der
[dee wird innerhalb des Gebiets der Erfahrung selbst auf-
gesucht und hervorgehoben.
Durch diesen Gegensatz gegen den mittelalterlichen Realis-
mus aber, dem die Idee an und für sich etwas Existierendes und
Absolutes ist, werden wir zu Folgerungen hingeführt, die der
Reinheit und Unabhängigkeit des Denkens zunächst zu wider-
streiten scheinen. Wenn unser diskursives Denken die Sichtung
und Deutung der sinnlichen Eindrücke zur Aufgabe hat, so ist
es klar, dass es nicht auf die Wesenheit der Dinge, sondern nur
auf deren „Abbilder“ sich richtet und über diese an keinem
Punkte ‘hinauszugelangen vermag. Das System der Erkenntnis
löst sich in einen Inbegriff und eine Ordnung von Zeichen auf;
die absolute Welt der Objekte bleibt ihm unzugänglich. Wenn
die Gegenstände im göttlichen Geiste nach ihrer präzisen und
eigentümlichen Wahrheit enthalten sind, so fasst der unsrige
nicht ihr Sein, sondern nur mittelbar ihre „Aehnlichkeit“;®) wenn
das Denken Gottes zugleich ein Erschaffen ist, so geschieht un-
sere Begriffsbildung dadurch, dass wir uns selber den vorhan-
denen Objekten anpassen und uns nach ihnen umgestalten. Der
Begriff der Seele selbst wird unter diesem Gesichtspunkt be-
stimmt: sie ist die Kraft, die sich allen Dingen anzugliedern ver-
mag. (quae se omnibus rebus potest conformare.*) Wie dem
göttlichen Geiste die „vis entificativa“, so kommt unserem In-
tellekt die „vis assimilativa“ als Merkmal und Grundzug zu.%)
Damit aber scheint das Denken, da es an ein äusseres Modell
verwiesen wird und von ihm seine Beglaubigung empfängt, zu-
gleich zu einer bloss passiven Widerspiegelung eines Gegebenen
zu werden. In der Tat sieht sich Cusanus selbst zu dieser Konse-
quenz hingedrängt: „Sunt illa omnia unum et idem: vis conci-
piendi, conceptio, similitudo, notio, passio et intellectus“.2)