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Die Gesetze der Verteilung.
Buch III.
punkte der Erde einschlägt, so suchen die Menschen den leichtesten weg
Zur Befriedigung ihrer wünsche.
Pier also haben wir das Gesetz des Lohnes als eine Folgerung
aus einem ganz klaren und allgemeingültigen Prinzip. Daß der Lohn
von der Grenze des Anbaus abhängt, daß er höher oder niedriger sein
wird, je nachdem der Ertrag, den die Arbeit aus den höchsten ihr zu
gänglichen Naturvorteilen erzielen kann, größer oder kleiner ist, entspringt'
demselben Prinzip, wie daß die Menschen ihre Bedürfnisse mit der
geringsten Anstrengung zu befriedigen suchen.
wenden wir uns jetzt von einfachen sozialen Zuständen zu den
verwickelten Erscheinungen hoch zivilisierter Gesellschaften, so werden
wir bei genauerer Prüfung finden, daß sie gleichfalls unter dies Gesetz
fallen.
Zn solchen Gesellschaften laufen die Löhne weit auseinander,
dennoch aber besteht ein mehr oder weniger bestimmtes und sichtbares
Verhältnis unter ihnen. Dieses Verhältnis ist nicht unveränderlich.
So kann einmal ein Philosoph von Ruf durch seine Vorträge vielfach
höheren Lohn als der beste Handwerker gewinnen, während er ein
andermal kaum den Lohn eines Bedienten erhält; oder in einer großen
Stadt können gewisse Beschäftigungen relativ hohen Lohn ergeben,
die in einer neuen Ansiedlung relativ niedrige gewähren. Dennoch
können diese Differenzen im Lohn unter allen Verhältnissen und trotz
willkürlicher Verschiedenheiten infolge von Sitte, Gesetz usw. auf be
stimmte Umstände zurückgeführt werden. Zn einem feiner interessantesten
Kapitel zählt Adam Smith folgende Pauptumstände auf, „welche einen
kleinen Erwerb in einigen Beschäftigungen kompensieren und einem
großen in anderen die wage halten: erstens, die Annehmlichkeit oder
Unannehmlichkeit der Beschäftigungen selbst; zweitens, die Leichtigkeit
und Wohlfeilheit oder die Schwierigkeit und Kostspieligkeit des Erlernens
derselben; drittens, die Beständigkeit oder Unbeständigkeit der Be
schäftigung darin; viertens, das geringe oder große Vertrauen, welches
dieselben erfordern; fünftens, die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrschein
lichkeit des Erfolges in denselben"*). Es ist nicht nötig, im Detail bei
diesen Ursachen der Verschiedenheit des Lohnes in den verschiedenen
Beschäftigungen zu verweilen. Sie sind vortrefflich erklärt und erläutert
durch Adam Smith und die späteren Nationalökonomen, die die Details
sehr gut entwickelten, wenn ihnen auch die Auffassung des Pauptgesetzes
nicht glückte.
Die Summe aller der Umstände, aus welchen die Unterschiede
in den Löhnen verschiedener Beschäftigungen entstehen, läßt sich in
Angebot und Nachfrage zusammenfassen, und man kann vollkommen
richtig sagen, daß die Löhne in den verschiedenen Berufszweigen nach
*) Letzteres, was dem Element des Risikos beim Gewinn analog ist, erklärt die bohen
Löhne gesuchter Advokaten, Arzte, Schauspieler usw.