124 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
Gegenstück, der Typus des absolut gläubigen Menschen. Mit
der Entwicklung des Einzelnen entstehen vielmehr von Anfang an Hem-
mungen gegenüber der Gläubigkeit, die auf dem Einfluß der Erfah-
rungen und der Art beruhen, wie die einzelne Persönlichkeit diese ver-
arbeitet. Die Erfahrung hat zur Folge, daß ein offenbarer Widerspruch
mit der Anschauung abgelehnt wird. Und dasselbe Schicksal erfahren
Behauptungen, die erworbenen Denkgewohnheiten widersprechen. Auch
schon der Verstoß gegen bloße eingewurzelte sprachliche Verknüpfungen
kann dazu genügen. Die Behauptung „zwei mal zwei gleich sieben“
wird überall abgelehnt, weil hier der Hörer schon vermöge des Repro-
duktionsmechanismus gleichsam über die bloßen Worte stolpert.
2. Derartige empirische Hemmungen beschränken wohl die Gläubig-
keit in tatsächlichen einzelnen Auswirkungen, lassen sie aber als Eigen-
schaft unangerührt weiter bestehen. Ganz anders ist es mit dem Auf-
kommen der kritischen Denkweise, die grundsägßlich für jedes
Urteil eine Begründung fordert. Diese bedeutet eine neue Haltung, die
an die Stelle der bisherigen Gläubigkeit tritt. Soweit diese Denkweise
herrscht, werden die Überzeugungen nicht mehr blindlings angenommen,
sondern zuvor kritisch auf ihre Richtigkeit geprüft. Die kritische Denk-
weise ist im Gegensagß zu der Ursprünglichkeit der Gläubigkeit ein histo-
risches Gebilde, und zwar relativ jungen Ursprungs: sie ist nur unter be-
sonderen geschichtlichen Bedingungen, nämlich im Zusammenhang mit
der Entwickelung der autonomen Denkweise und speziell der Wissen-
schaft und autonomen Philosophie entstanden und in der Hauptsache auf
den Bereich der modernen europäischen Kultur beschränkt. Über Art
und Grad ihrer Entfaltung darf man sich keinen Illusionen hingeben.
Ihrem Wesen nach schließt zwar die kritische Denkweise die Gläubig-
keit aus. Tatsächlich aber ist sie aus zwei Gründen überall nur
eingeschränkt entfaltet. Erstens aus einem schon oben er-
wähnten prinzipiellen biologischen Grunde: die absolute kritische Hal-
tung ist den Ansprüchen der Wirklichkeit gegenüber nicht restlos durch-
führbar. Nur in der Form, daß sie sich auf die Auswahl zuverlässiger
Gewährsmänner beschränkt, ist sie bei uns in gewissen Bezirken mehr
oder weniger durchgeführt. Der zweite Grund ist entwicklungspsycho-
logischer Natur: die kritische Denkweise entsteht nur vermöge einer
besonderen Erziehung und in der Hauptsache nur in den Gebieten, auf
die sich diese Erziehung erstreckt. Diese hat aber immer nur ein-
geschränkte Wirkung und vermag die alte Denkweise nicht völlig zu ver-
tilgen. Zusammengefaßt: die kritische Denkweise tritt mehr neb en
die Haltung der Gläubigkeit, als daß sie diese in vollem Umfang ersegt.
Es gibt demgemäß keine absolute kritische Haltung. Auch der kritisch