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zündung vorübergehend geschädigt waren, erholen sie sich wieder. Wir
sehen dann, wie die ursprünglich weit ausgedehnte Lähmung sich all-
mählich wieder zurückbildet. Aufgabe unserer Behandlung muß es
sein, 1. diesen natürlichen Rückbildungsprozeß zu unterstützen und
2. die Entstehung von Gelenkkontrakturen zu verhüten. Letzteres ist
stets das Wichtigste. Die meisten Kinder kommen in die fachärztliche
Behandlung mit ausgeprägten Gelenkkontrakturen, und es bedarf jetzt
erst vieler Zeit und Mühe, diese zu beseitigen, ehe man an die eigent-
liche Behandlung der Lähmungen herangehen kann. Also muß unter
allen Umständen ~ was leicht zu erreichen ist ~ die Entstehung die-
ser fehlerhaften Gelenkkontrakturen verhindert werden. Dies geschieht
durch – möglichst einfache ~ Schienen und Apparate, die nur den
Nachteil haben, daß sie leicht verschleißen und dem Wachstum ent-
sprechend verändert werden müssen. Mit ihrer Hilfe gelingt es in
den meisten Fällen, die Kinder wenigstens etwas gehfähig zu machen.
Im übrigen sucht man die Regeneration der gelähmten Mustel-
gruppen durch tägliche Massage, Bewegungsübungen, Elektrisieren
(galvanischer und besonders faradischer Strom) und Anwendung von
Hitze in jeder Form (Heißluftbäder, Bestrahlungen, heiße Sandsäcke,
warme Bäder) anzuregen und zu unterstützen. Operative Eingriffe
dürfen erst gemacht werden, wenn jede Hoffnung auf natürliche Wie-
derhersstellung trotz sorgfältiger Behandlung geschwunden ist, also
nicht vor zwei Jahren. Die äußerst segensreichen operativen Ein-
griffe bestehen in Ersatz der gelähmten Muskeln durch andere (Sehnen-
plastiken) oder, wenn alles gelähmt ist, durch Gelenkverssteifungen.
Letztere werden aus Rücksicht auf das Wachstum des Skeletts am
besten nicht vor dem 12. Lebensjahr ausgeführt.
Neben diesen schlaffen Lähmungen besteht noch die Gruppe der
sogenannten „spastischen“ Lähmungen. Das Charcatteristische der-
selben ist, daß eine eigentliche Lähmung eines Muskels oder einer
Muskelgruppe nicht vorhanden ist, daß aber bei jedem Bewegungs-
versuch ein Reiz ausgelöst wird, der durch Anspannung der Antago-
nisten die Bewegung unmöglich macht. Die ganze Muskulatur befin-
det sich dadurch in einem eigenartigen starren Zustande. Die Ursache
dieser Erkrankung ist keine einheitliche; da aber das klinische Bild
trotz verschiedener Ursachen stets ein einheitliches ist, faßt man die
Fälle zweckmäßig als sogenannte ,Little'sche“ Erkrankung oder Fälle
spastischer Muskelstarre zusammen.
Sie entstehen entweder angeboren oder erworben, angeboren
durch Verletzung des kindlichen Schädels bei schwerer Geburt, daher
meist bei Erstgebärenden oder als Frühgeburt bei vielen Geburten,
erworben durch Infektionskrankheit, Kinderlähmung (Lokalisierung
im Gehirn) oder Encephalitis nach Grippe.
Klinisch sind die Charakteristiken: Spitzfußstellung, Beugekon-
traktur der Knie, Adduktionsstellung der Hüften, Beugung und In-