Die Frühromantik.
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Und wie man diese Poesie mit ihrer an und fur sich
nicht überstarken Produktion auch ansehen möge: nach der
Dichtung des Klassizismus bleibt sie doch eine Poesie der
Talente, und ihr pathetischer Mittelpunkt, ihr innerster Lebens⸗
kern, liegt nicht mehr in ihr allein oder auch nur vor—
nehmlich in ihr, sondern in mystischen Gefühlen, deren voll—
endetster Ausdruck immerhin schon in spekulativem Denken ge—
wonnen war. So bleibt denn dieser Poesie selbst in ihrer
höchsten Erscheinung, der Lyrik, etwas vom Charakter des Ab⸗
geleiteten; und ihr Licht erlischt mit der Verdunkelung der
Zentralsonne, der Mystik der Lebenshaltung und des Denkens.
Freilich war neben ihr her auch noch eine andere romantische
Poesie gegangen, eine exoterische gleichsam und objektive, die
Poesie des romantischen Zaubers früherer Zeiten und entfernterer
Orte. Sie ist zunächst nicht eigentlich romantisch in dem Be—
tracht, daß sie erst mit der romantischen Periode aufgekommen
wäre; sie ist die einfache Folge jenes entwickelten Sinnes für
Geschichte und jener Erbreiterung des räumlichen Horizonts,
die mit der Entwicklung des Subjektivismus überhaupt ein⸗
traten; und nur die enthusiastische Form ihrer Anfangs-⸗
erscheinungen vermählt sie früh der Romantik. Und so er—
breitert sich allerdings der Balladenstrom seit Bürger beträchtlich;
die Romantik der Ritter, Räuber und Schmuggler tritt auf,
und um 1800 erklingt Vulpius' furchtbares Lied von des
Waldes tiefsten Gründen:
Rinaldini! lieber Räuber!
Raubst den Weibern Herz und Ruh.
Ach, wie schrecklich in dem Kampfe,
Wie verliebt im Schloß bist du!
Neben das geschichtliche Archaische aber hatte sich das
Volkstümlich-Alte gesetzt, und mit wahrer Virtuosität hatte
es schon Maler Müller nachzuahmen verstanden:
Auf dem Bachstrom hängen Weiden;
In den Tälern liegt der Schnee.
Trautes Kind, daß ich muß scheiden,
Muß nun unfre Heimat meiden,
Tief im Herzen tut mir's weh.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.