[11. Lübecker Familien und Persönlichkeiten aus der Frühzeit der Stadt 135
darauf legen, für ihr wertvollstes Handelsgut, das flandrische Tuch, ge-
legentlich den „Gewandschnitt‘‘, d. h. den Verkauf im kleinen auszuüben,
richtiger wohl: durch Handelsangestellte nebenher ausüben zu lassen, so
ändert sich das im 14. Jahrhundert immer mehr: die Morneweg haben nicht
mehr an Gewandschnitt gedacht, und vollends in den reichlich erhaltenen
Listen der im Gewandhaus zum Verkauf Berechtigten der 70er und 80er
Jahre findet man nur ganz vereinzelt Namen der damals im wirtschaftlichen
Leben der Stadt führenden Männer. Dagegen verraten uns zahlreiche Ein-
tragungen des Niederstadtbuchs, daß z. B. die Brüder Hermann und Gerhard
Gallin in den 40er bis 50er Jahren des 14. Jahrhunderts einen Großhandel mit
Handrischem Tuch getrieben haben; in großen Einzelposten, bis zu 100 Stück
auf einmal, haben sie es in Lübeck abgesetzt. Lübeck selbst war damals ein
erster Platz des Großhandels, in dem die Ostwaren (Pelze usw.) und die West-
waren (Tuche) im großen abgesetzt wurden und ihren Eigentümer wechselten.
Die Bedeutung des Großhandels läßt sich am besten an der Familie
Warendorp nachweisen. Drei Familien der Warendorp haben im 14. Jahr-
hundert im Rat gesessen; eine von ihnen verrät in ihrem Grundbesitz, daß
sie mit den Gründungsunternehmern im Zusammenhang stand. Aber dieser
Familie ging es gegen Ende des 13. Jahrhunderts nicht gerade glänzend;
ihr Grundbesitz war auf ein Minimum zusammengeschmolzen; auf dem
Marktplatz war noch eine ganze Kerzengießerbude ihr Eigentum. Zu An-
fang des 14. Jahrhunderts sind aber in allen drei Familien eine ganze Reihe
tüchtiger Leute hochgekommen, die den Namen Warendorp mit einem Male
wieder zu außerordentlicher Bedeutung gebracht haben. In der alten
Gründerfamilie waren es die Brüder Bruno (f 1316) und Hermann minor
(7 1350); in den beiden andern Familien Gottschalk senior (1346) und
Hermann senior (F 1333), welche die neue Blüte der Warendorp begründeten.
Ungemein anschaulich geben die Quellen über ihre Tätigkeit im Handel
Auskunft; bis in die Einzelheiten sind wir unterrichtet; wir kennen ihre
Handlungsangestellten, ihre Gesellschafter, sehen, wie etwa dem Bruno 1297
und 1320 Schiffe im Lande Hadeln und bei Dordrecht in Holland stranden,
die russisches Gut führen. Von Hermann minor ist sogar das älteste Hand-
lungsbuch eines deutschen Kaufmanns erhalten?), das für jene Geschäfte
bestimmt war, in denen er seinen Schwager Johann Clingenberg und dieser
wieder ihn vertrat, wenn einer von ihnen abwesend war. Hermann wickelt
hier für seinen Schwager Johann ein größeres Getreidegeschäft ab; dieser
trifft für Hermann, der in Flandern weilt, Dispositionen im Weitervertrieb
des flandrischen Tuchs nach Thorn, Holstein und Schonen. Als Einzelreeder
rüstet er 1337 und 1346 eine Kogge und eine Hulk aus. Ähnliche Züge ließen
sich für Gottschalk und Hermann senior festhalten. Nur von einem erfährt
man bei ihnen und ihren Nachfahren nichts mehr: von der Ausübung des
Gewandschnitts.