Der moderne Imperialismus.
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behaltung ihrer Sitten und Gewohnheiten versprochen; ein Ver
sprechen, das sie streng eingehalten hat. Sie hat aber zeitweilig den
Eingeborenen, die sich des Eingeborenenrechts freiwillig begeben
f, wollten, den rechtlichen Übertritt zum Status des Europäers sehr
erleichtert. Der eingeborene Mohammedaner kann durch eine Er
klärung aus der mohammedanischen Rechtsgemeinschaft austreten
und ohne große Schwierigkeiten Franzose in rechtlicher Beziehung
werden; er wird dadurch aus einem Untertan ein Bürger. Da aber die
Inanspruchnahme dieser Berechtigung gleichbedeutend mit dem Aus
tritt aus der mohammedanischen Glaubensgemeinschaft wäre, so ist
von ihr selten Gebrauch gemacht worden. Seit 1865 sind nur etwa
1300 Mohammedaner übergetreten. Die französische Regierung ist
zeitweilig in den Mitteln, mit denen sie eine Verschmelzung der
Rassen anstrebte, noch weiter gegangen. Sie hat z. B. eine Erleich
terung der Eheschließung zwischen Europäern und Eingeborenen
herbeizuführen gesucht. In den Jahren 1850—77 haben in der Tat
56 Europäer mohammedanische Frauen und 64 Araber europäische
Frauen geheiratet; in den Jahren 1878—1903 haben 126 Europäer
mohammedanische Frauen und 139 Araber und Berber europäische
Frauen geheiratet. Die geringe Zahl dieser Mischehen, die die Stati
stik aufweist — Algier hat eine Gesamtbevölkerung von über
5 Millionen —, zeigt zur Genüge, daß diese Politik der Rassen
angleichung durch Verschmelzung (Assimilation) nicht erfolgreich
gewesen ist. Es ist wohl möglich, eine kleine Oberschicht der Ein
geborenen derartig zu entnationalisieren, daß sie ihrem Volke ent
fremdet wird. Man kann aber Millionen von Eingeborenen nicht
zu Europäern machen, noch auch diese Millionen von einigen europäi
sierten, ihnen fremd gewordenen Volksgenossen regieren lassen. Es
ist in Indien in der Tat gelungen, das oben erwähnte Erziehungs-
* Programm Macaulays durchzuführen und europäische Bildung in ge
wissen Kreisen zu verbreiten. Die Führer der indischen Völker, die
diesen Schichten entstammen, sind jedoch durch diese Erziehung
häufig nicht zu Stützen der englischen Herrschaft geworden; sie
suchen vielmehr ihre Anhänger gegen die europäische Macht aufzu
reizen, der sie selbst ihre Bildung verdanken; sie verfolgen ihr Ziel
nicht durch eine Politik der Aufklärung, sondern durch sorgfältiges
Anfachen der alten nationalen Vorurteile.
Im Gegensatz zu dieser Methode der Eingeborenenverwaltung
Veröffentlichungen der Handelshochschule München. I. Heft 10