1133) Politische Macht, wirtschaftlicher Aufschwung, fittliche Entartung. 675
Elisabeths, Cromwells, Wilhelms von Oranien und nach den Napoleonischen Kriegen,
welche die Handelsherrschaft über die damalige Welt vollendeten; in Schweden unter
den großen Wasakönigen des 16. und 17. Jahrhunderts; im neuen Deutschland und
Italien nach ihrer Einigung 1839-1870, in den Vereinigten Staaten, nachdem
sie 180321850 sich von einem Ozean zum anderen ausgedehnt hatten. Überall hat
die Machterweiterung den Hauptanstoß zu großem wirtschaftlichem Aufschwung gegeben;
überall, schon in den orientalischen antiken Reichen, hat die politische Gebietsausdehnung
Handel und Verkehr mächtig gefördert. Aber wichtiger wohl noch ist die Thatsache,
daß in solchen Zeiten politischen Aufschwungs auch fast allein große wirtschaftliche und
sociale Resormen (in Geldwesen, Kreditwesen, Verkehrswesen, in der Ordnung des Ver—⸗
hältnisses der socialen Klassen u. s. w.) gelingen. Und sie gelingen, weil allein in
solchen Zeiten ganz große Staatsmänner sich finden, und die Völker ihnen gehorchen.
Das geschieht, weil der geistig-moralische Prozeß, von dem alles Leben der Volker
abhängt, in solchen Zeiten eine Belebung, Kräftigung und Versittlichung erfährt wie
sonst nie: ein hohes Maß von Gemeinsinn und Pflichtgefühl schiebt die niedrigen Triebe,
den Egoismus bei allen Gliedern des Gemeinwesens zurück. Und die starken, großen
Individuen suchen nicht in kleinem Egoismus, in Habsucht und Genußsucht, sondern in
politischem Ehrgeiz großen Stils, in Hingabe an große allgemeine Ziele ihre Befriedigung.
Der wirtschaftliche Aufschwung folgt meist erst ein oder zwei Generationen später
als der politische. Die Symptome des Aufschwunges sind bekannt: die Bevölkerung
steigt, erhält höhere Bedürfnisse; es wird mehr und besser produziert; das ganze Volf
oder wenigstens die obere Haͤlfte lebt besser, der Komfort und Luxus machen Fort—
schritte. Aber nach kürzerer oder längerer Zeit verlangsamt sich der wirischafkliche
Fortschritt. Der aus der großen politischen Aufschwungszeit stammende Geist der
Spannung, der Hingabe an das Gemeinwohl verschwinden oder treten zurück. Die her⸗
gebrachten Ideale verblassen; die neue Zeit mit ihrer dichteren Bevölkerung, ihren ge—
steigerten Bedürfnissen, ihrem Drang nach neuen Lebensformen, die sie nicht rasch finden
kann, kommt in eine Epoche des Unbehagens, der Stagnation; der Erwerbstrieb nimmt
neue, meist häßliche Formen an; er wird zur Habsucht, zur socialen Härte; die Klassen—
kämpfe beginnen, Verweichlichung, Luxus und Genußsucht dringen in den jüngeren Genera—
tionen ebenso vor, wie die Arbeitsenergie, der kriegerische Geist, die Pflichttreue ab—
nehmen. Große führende Staatsmänner und Geister fehlen, die Parteien zersplittern
sich; die Festrennung des gesellschaftlichen Lebens in einen hart gebackenen Kuchen von
Sitten und Gesetzen (wie Bagehot sagt), hindert den neuen Forischritt. Man verliert
sich in äußerlicher Form, in Etikelte und Eitelkeit. Geldheiraten, Ehebruch, Mai—
tressenwirtschaft beherrschen die oberen Klassen. Symptome einer Rassendegeueration
beginnen, die teils auf die alte städtische Kultur überhaupt, teils auf die moralischen
Ursachen der Niedergangsperiode zurückgehen. Man nennt heute allgemein als solche:
Abnahme der Kinderzahl wie der Verheirateten und der Bevölkerung überhaupt, späte
Heiraten und als Folge schwächliche Kinder, rachitische Becken der Gebärenden, zunehmende
Unfähigkeit der Frauen zu stillen, stärkere Fortpflanzung der unteren als der oberen
Klaffen, stärkere Fortpflanzung der Schwächlichen und Kranken, zunehmenden Alkohol⸗
genuß, Syphilis, zunehmende Tuberkulose, Anwachsen der Nerven- und Geisteskranken.
Es ist schwer zu sagen, wie weit heute, wie weit früher Derartiges Platz griff. Daß
das die Symptome einer materialistischen, hyperkritischen, frivolen Zeit sind, wird kein
Geschichtskundiger leugnen, ebenso, daß sie zusammenhängen mit der Auflbsung des alten
kirchlichen Glaubens, der meist bisher nur jür eine Minorität durch andere versittlichende
Kräfte ersetzt ist.
Wohl können, auch wenn die Seele eines Volkes schon erkrankt ist, Wissen und
Kunst, Technik und Wohlstand noch längere oder kürzere Zeit voranschreiten, aber nicht
mehr auf die Dauer, wenn nicht eine innere Neubildung zur Harmonie, zur Wieder—
belebung der fittlichen Kräfte beginnt. Und fehlt sie, so werden über kurz oder lang
außere Katastrophen oder innere Prozesse die Erkrankung des ganzen socialen Körpers
offenbaren; dann sinkt auch Wissen, Technik, Kunst und Wohlstand von seiner Höhe herab.
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