Full text: Geschichte der großen amerikanischen Vermögen (Bd. 1)

313 — 
lich war er von unglaublicher Filzigkeit. In ihm vereinigte 
sich die kleinliche Schacherseele des Kaufmanns mit der un- 
geheuren Raubgier der Magnaten. Wenn er bei seinen 
großen Betrügereien viele Millionen mit einem Griff ein- 
steckte, merkte er es sofort, wenn ein paar Cent oder Dollar 
fehlten. Sein Erwerbssinn war aber durch die lange Ent- 
wicklung so ausgeprägt, daß er weit über die Grenzen der 
Passion hinausging und zur Monomanie geworden war. 
Vanderbiltis Charakteristik 
Er beherrschte ihn dermaßen, daß er, selbst als er schon 
100 Millionen Dollar sein eigen nannte, noch immer um 
jeden Dollar feilschte und seine Freunde auf die niedrigste 
und hinterlistigste Art betrog. Freunde im wahren Sinne 
des Worts hatte er nicht; diejenigen, die sich selbst als seine 
Freunde betrachteten, waren kühle Naturen, die größten- 
teils nur aus Berechnung handelten. Aber wenn sie hofften, 
aus dieser Intimität Gewinn zu ziehen, waren sie in einem 
großen Irrtum; sie entdeckten im Gegenteil fast immer, 
daß sie in irgendeine Falle gegangen waren, und um eine 
Erfahrung reicher, aber mit kleinerem Geldbeutel, waren sie 
froh, wenn sie sich in eine sichere Entfernung von dem alten 
Manne zurückziehen konnten. „Freunde wie Feinde,‘ 
schrieb ein Bewunderer unmittelbar nach seinem Tode, 
„standen in seiner Wertschätzung gleich, und wenn ein 
Freund es wagte, ihm den Weg zu verstellen, war er ge- 
zwungen, sich zu wehren.“ 
Einmal, so wird erzählt, als ein politischer Kandidat eine 
Unterstützung erbat, gab Vanderbilt ihm 100 Dollar und 
eine gleiche Summe für einen Freund, der ebenfalls an der 
New Yorker Zentraleisenbahn beteiligt war. Wenige Tage 
später unterrichtete Vanderbilt diesen Freund von seinem 
Vorgehen und verlangte die 100 Dollar zurück. Das Geld 
wurde bezahlt. Nicht lange darauf wurde dieser Freund 
ebenfalls um eine politische Unterstützung angegangen, 
worauf er 100 Dollar gab und den gleichen Betrag für Van- 
derbilt auslegte. Als Vanderbilt aufgefordert wurde, die 
Schuld zu bezahlen, weigerte er sich und schloß die Unter-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.