Kap. I.
Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.
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Muße heißt nicht Mangel an Beschäftigung, sondern die Entfernung
jenes Notstandes, der ihn zu einer seiner Natur widerstrebenden Be
schäftigung zwingt —, so ist man nicht imstande, ihn intelligent zu machen,
wenn man auch das Kind eine Volksschule durchmachen läßt und den Mann
mit einer Zeitung versorgt.
Ls ist wahr, daß eine Verbesserung der materiellen Lage eines
Volkes oder einer Masse sich nicht sogleich in geistiger und sittlicher
Hebung zeigen kann. Höherer Lohn kann zuerst Trägheit und wüstes
Leben hervorbringen. Schließlich aber wird er mehr Fleiß, Geschicklich
keit, Intelligenz und Mäßigkeit herbeiführen. vergleiche zwischen
verschiedenen Ländern, zwischen verschiedenen Massen desselben Landes,
zwischen denselben Leuten zu verschiedenen Zeiten und zwischen den
selben Leuten, wenn ihre Lage durch Auswanderung verändert ist,
zeigen als unveränderliches Resultat, daß die erwähnten persönlichen
Eigenschaften erscheinen, sobald die materielle Lage sich bessert, und
verschwinden, sobald dieselbe schlechter wird. Die Armut ist die „jdfütze
der Verzweiflung", die Bunyan in seinem Traume sah, und in welche
gute Bücher bis in alle Ewigkeit ohne Erfolg hineingeworfen werden
können. Um Leute fleißig, vorsichtig, geschickt und intelligent zu machen,
müssen sie vom Mangel erlöst werden. wer im Sklaven die Tugenden
des Freien entwickeln will, muß ihn erst frei machen.
3. von den Koalitionen der Arbeiter.
Aus den früher aufgestellten Gesetzen der Verteilung geht hervor,
daß Koalitionen der Arbeiter die Löhne steigern können, und zwar
nicht auf Kosten anderer Arbeiter, wie mitunter behauptet wird, noch
auf Kosten des Kapitals, wie man zuweilen glaubt, sondern schließlich
auf Kosten der Grundrente. Daß durch Koalition der Arbeiter keine
allgemeine Lohnerhöhung bewirkt werden könne, daß jede dadurch er
zielte Erhöhung besonderer Löhne andere Löhne oder den Kapitalgewinn
oder beide ermäßigen müßten, sind Ansichten, die der irrtümlichen Auf
fassung entspringen, daß die Löhne dem Kapital entnommen würden.
Der Irrtum dieser Ansichten wird nicht durch die von uns entwickelten
Gesetze der Verteilung, sondern auch durch die Erfahrung bewiesen, so
weit dieselbe reicht. Die durch Arbeiterkoalitionen bewirkte Erhöhung des
Lohns in besonderen Geschäftszweigen, wovon viele Beispiele vorhanden
sind, hat nirgends die Wirkung gezeigt, den Lohn in anderen Geschäfts
zweigen zu erniedrigen oder den Gewinnsatz herabzusetzen. Außer daß
sie sein fixes Kapital oder die laufenden Engagements beeinträchtigen
kann, vermag eine Verminderung des Lohns einem Arbeitgeber nur
insofern zu nützen und eine Erhöhung des Lohns ihm nur insofern zu
schaden, als dieselbe ihm seinen Konkurrenten gegenüber einen Vorteil
oder Nachteil bereitet. Der Arbeitgeber, welcher zuerst eine Herabsetzung
des Lohns seiner Leute erreicht oder zuerst zu einer Erhöhung genötigt