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sonen, denen die Lebensenergien aus derselben Quelle Zuströmen und
die in ihren gemeinsamen Interessen übereinstimmen oder divergieren.
Soll aber der Gedanke von Herr und Diener als zur repräsentativen Re
gierung gehörig beibehalten werden — und er ist sehr irreleitend —, so
hätte die Gesamtheit der Gesellschaft, nicht etwa eine Partei oder eine
Mehrheit, die Herrenrolle zu spielen. Der Abgeordnete vertritt die Ge
sellschaft, er ist kein einfacher Delegierter der Mehrheit, die ihn ge
wählt hat; dem Ganzen und nicht einzelnen Teilen schuldet er Rechen
schaft. Er entwickelt seine Ansichten, macht seinen Standpunkt klar,
entwickelt und erläutert seine unmittelbaren Vorschläge und wird dar
aufhin akzeptiert oder abgelehnt. Gehört er zu einer anerkannten
Mehrheit, so hat ihm die Gesellschaft bekundet, daß sie seine allge
meine Auffassung gutheißt. Beunruhigen jedoch seine praktischen An
regungen die Gesellschaft, zeigt er ihr seine Unfähigkeit oder bedient
er sich Methoden, die ihren Gerechtigkeitssinn verletzen, so wird sie
ihn verwerfen. Sie wird ihn aus einem von zwei Gründen oder aus
beiden zurückweisen. Entweder wird die Gesellschaft alles Vertrauen
zu seinen Grundsätzen verloren haben oder, wenn dies nicht der Fall
wäre, seiner Person, ihm selbst, nicht mehr trauen. Gerät er und sein
Anhang durch die Entscheidungen der Gesellschaft in die Minderheit, so
bedeutet dies entweder, daß die Gesellschaft sich zu den Grundsätzen
und dem Standpunkt einer anderen Richtung bekennt oder, wenn
dem nicht so wäre, sie nichtdestoweniger empfindet, daß ihr die Herr
schaft jener Richtung unangenehme Erfahrungen, die sie zurzeit
sehr fürchtet, ersparen wird. Im ersteren Falle muß die geschlagene
Minorität einen Feldzug der Erziehung unternehmen, um den Glauben
an sie wieder aufzurichten, das Vertrauen zu ihren Ansichten und
Plänen wieder herzustellen und die Haltung des Landes gegenüber den
Grundsätzen der am Ruder befindlichen Partei zu verändern. Im
anderen Falle ist es Aufgabe der Minorität, darüber zu wachen, daß
auf dem von der Mehrheit eingeschlagenen Weg der Gesetzgebung
prinzipiell die Bedürfnisse des Volkes befriedigt werden — und trotz
dem sie schwächer ist, wird sie hierfür den Beifall des Landes ernten.
Per parlamentarische Kampf wird sich in diesem Falle viel mehr
um Einzelheiten, als um Grundsätzliches drehen.
So vollzieht sich der Lauf der Geschichte. Wenn große prinzipielle
Prägen, wie z. B. ob die Demokratie oder die Aristokratie herrschen