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Arbeitslohn und Kapital.
Buch I.
Die in diesen Sätzen liegende Voraussetzung, die Unterhaltung
der Arbeit durch das Kapital sei etwas so Selbstverständliches, daß der
Satz nur ausgesprochen zu werden brauche, um zugestanden zu werden,
läuft durch das ganze Gebäude der herrschenden Nationalökonomie.
Und so zuversichtlich glaubt man an die Erhaltung der Arbeit aus dem
Kapital, daß der Satz, „die Bevölkerung richtet sich nach den Fonds,
welche sie zu beschäftigen bestimmt sind, und vermehrt oder vermindert
sich daher stets mit der Ab- oder Zunahme des Kapitals" *), als nicht
minder grundlegend angesehen und seinerseits wieder zur Basis wichtiger
Auseinandersetzungen gemacht wird.
Löst man jedoch diese Sätze auf, so zeigen sie sich nicht als augen
scheinlich, sondern als absurd; denn sie schließen die Auffassung ein,
daß Arbeit nicht eher verrichtet werden könne, als bis die Erzeugnisse
der Arbeit da seien — und so setzt man das Produkt höher als den Pro
duzenten.
Und prüft man sie näher, so wird sich herausstellen, daß sie ihre
anscheinende Plausibilität aus einer Gedankenverwirrung ableiten.
)ch habe schon den unter einer irrtümlichen Definition verborgenen
Trugschluß aufgedeckt, der dem Satze zugrunde liegt, daß, weil Nahrung,
Kleidung und Obdach dem produktiven Arbeiter unentbehrlich sind,
deshalb der Gewerbfleiß durch das Kapital begrenzt sei. Daß ein Mann
sein Frühstück haben muß, ehe er zur Arbeit geht, heißt doch nicht, daß
er nicht zur Arbeit gehen kann, bis ihm ein Kapitalist sein Frühstück
liefert; denn dasselbe kann und wird in allen Ländern, in denen nicht
geradezu Hungersnot herrscht, nicht aus den zur Unterstützung der
Produktion zurückgelegten Gütern, sondern aus den für den Lebens
unterhalt zurückgelegten Gütern geliefert werden. Und wie vorher
gezeigt wurde, sind Nahrung, Kleidung usw., kurz alle Güter, nur so
lange Kapital, als sie im Besitz derer bleiben, welche sie nicht zu konsu
mieren, sondern gegen andere werte oder gegen produktive Dienst
leistungen umzutauschen beabsichtigen, und hören auf, Kapital zu sein,
sobald sie in den Besitz derer übergehen, welche sie konsumieren wollen;
denn bei diesem Übergänge treten sie aus dem zum Zweck weiterer
Güterbeschaffung gehaltenen Gütervorrat in den zum Zwecke des
Verbrauchs gehaltenen Gütervorrat, gleichviel, ob ihr Konsum zur
Güterproduktion beitragen wird oder nicht. Ohne diese Unterschei
dung ist es unmöglich, die Linie zwischen den Gütern, die Kapital sind,
und denen, die es nicht sind, zu ziehen, auch wenn man, wie es Mill
tut, diese Unterscheidung in „den Gedanken des Besitzers" legt. Denn
die Menschen essen oder fasten nicht, gehen nicht angezogen oder nackt,
je nachdem sie produktiv arbeiten oder nicht, sie essen, weil sie hungrig,
sind und tragen Kleider, weil die Witterung oder der Anstand es ver
*) Die zitierten Worte rühren von Ricardo (Kap. II) her, der Gedanke ist indessen
allen Hauptwerken gemeinsam.