Es hieße jedoch die für mittlere und kleine Betriebe bestehenden Möglichkeiten gewaltig über-
schätzen, würde man von ihnen das Gleiche unter allen Umständen erwarten. Hieraus ergibt sich,
daß ein direkter Verkehr zwischen einem ausländischen Importeur und einem österreichischen
Großbetrieb vom exporttechnischen Gesichtspunkte aus fast immer möglich ist, während die Aus-
‘uhr von Artikeln, die in mittleren und kleinen Fabriken oder Werkstätten hergestellt werden,
Zewöhnlich am besten durch Vermittlung eines Exporteurs oder Kommissionärs und eine vom aus-
ländischen Käufer in Österreich persönlich getroffene Auswahl erfolgen dürfte, wozu die im März
und September jedes Jahres in unmittelbarem Anschlusse an die Leipziger Messe stattfindende
Wiener Messe eine besonders günstige Gelegenheit bietet. Auch aus anderen Gründen empfiehlt sich
in manchen Fällen die Bestellung ‚eines Kommissionärs, wie durch folgendes, der Praxis entnommene
Beispiel gezeigt wird: Der Einkäufer einer amerikanischen Warenhausgesellschaft, die in vielen
Städten der Vereinigten Staaten Niederlassungen besitzt, hatte ein Muster einer feinemaillierten
silbernen Zigarettendose gesehen, den österreichischen Erzeuger in Erfahrung gebracht und, da ihm
der geforderte Preis zusagte, die Absicht gehabt, für die entsprechende Abteilung - sämtlicher
seiner Firma angeschlossenen Warenhäuser probeweise je ein Dutzend, im ganzen also vielleicht
5X 1 Dutzend zu bestellen. Auf Anfrage beim Erzeuger erfuhr er jedoch, daß für die Herstellung
von einem Dutzend eines hochwertigen und künstlerisch ausgeführten Gegenstandes ein Zeitraum
von vier Monaten erforderlich wäre, und die Erzeugung von 5X 1 Dutzend daher ein® ungemein
lange Lieferungsfrist bedingen würde. Eine Geschäftsverbindung, die unter den angenommenen
Voraussetzungen für den Erzeuger wie für den Abnehmer günstig gewesen wäre, kam daher nicht
zustande. Wenn jedoch der amerikanische Einkäufer, beziehungsweise die von ihm vertretene
Gesellschaft mit der Beschaffung der fraglichen Dosen einen Wiener Kommissionär beauftragt
hätte, so wäre es wohl gelungen, die Bestellung ' durch Verteilung auf mehrere Erzeuger unter-
zubringen. Die Adressen verläßlicher österreichischer Firmen, die sich mit kommissionsweisem Ein-
kauf für ausländische Rechnung befassen, sind für jeden Interessenten leicht zu erhalten. Sie sind
aus diesem und ähnlichen Nachschlagewerken ersichtlich und außerdem durch‘ Erkundigung bei
den österreichischen Handelskammern, den ausländischen Handelskammern in Wien, von denen es
eine große Anzahl gibt, sowie bei den ausländischen‘ konsularischen Vertretungen in Österreich,
deren Verzeichnis im Anhang mitgeteilt wird, mühelos ‘zu erfragen. .Die' Korrespondenz mit
üxporteuren und Kommissionären sowie mit Groß- und in vielen Fällen mit Mittelbetrieben
kann gewöhnlich in irgendeiner beliebigen Weltsprache erfolgen, was‘ jedoch nicht aus-
schließt, daß man sich auch anderer‘ Sprachen bedienen‘ kann, soweit Firmen‘ in‘ Betracht
kommen, die mit den Ländern dieser Sprachen regelmäßige Beziehungen‘ unterhalten. Lin-
zuistische Kenntnisse haben besonders in der Zeit nach dem Kriege eine starke Verbreitung
in Österreich gefunden, wenn man sich auch nicht vorstellen darf, daß, ähnlich wie in Levante-
häfen, jeder kleine Kaufmann fünf oder sechs Sprachen spricht. Auch aus diesem Grunde, und weil
man auf die zum Teil sonst nirgends in solcher Vollendung hergestellten Produkte kleinerer
Erzeuger nicht ohneweiters verzichten kann, empfiehlt sich die Verwendung eines’ Kommissionärs,
der einem persönlich in Wien erscheinenden fremden Einkäufer wertvolle Dienste leisten wird..Beim.
Besuch der Messe allein dürfte zum Beispiel durch die mit‘ Hilfe des Kommissionärs erzielte
Zeitersparnis‘ die ihm gebührende Provision mit Leichtigkeit eingebracht werden. Damit
Srschöpft sich jedoch noch nicht der Aufgabenkreis des Exporteurs oder Kommissionärs, dessen
Funktion vielmehr meistens erst in den weiteren Stadien des Geschäftes unentbehrlich wird. Ihm
obliegt es, die Einhaltung der Lieferungsfrist seitens der Erzeuger zu überwachen, gelieferte Waren
zu übernehmen, zu überprüfen, zu sortieren und zu verpacken, die Begleitdokumente (Konsular-
fakturen usw.) zu beschaffen, den Versand und die Versicherung durchzuführen usw. Für die
Erfüllung dieser Leistungen, die einen großen Aufwand an Zeit und Sorgfalt erfordern, und zudem
eine genaue Kenntnis der lokalen Geschäftsbedingungen sowie eine völlige Vertrautheit mit den
Verhältnissen im Importstaat voraussetzen, kommt im allgemeinen weder der einheimische Erzeuger
noch der ausländische Bezieher der Waren in Betracht.
] Ein Gebiet, auf dem Österreich und in erster Linie Wien eine besondere Bedeutung für den
\rternationalen Handel gewonnen hat, ist der Transitverkehr. Vor dem Kriege verhältnismäßig
JUr schwach entwickelt, weil innerhalb eines großen zollgeschützten Wirtschaftsgebietes, wie es
lie alte Monarchie darstellte, der österreichische Handel in erster Linie Binnenhandel war und,
VON wenigen Ausnahmen abgesehen, keinen internationalen Charakter trug, hat sich das Transit-
geschäft seit Ende des Krieges durch die einschneidenden Veränderungen, die die politische Land-
karte orfahren hat, mächtig gehoben. Wenn ein nordböhmischer Industrieller einen Kunden in
Laibach belieferte, so stellte diese Transaktion vor dem Kriege ein Binnengeschäft dar. Jetzt ist
laraus nicht nur ein Exportgeschäft geworden, sondern die von einem Staat (Tschechoslowakei)
nach dem anderen (Jugoslawien) gesandte Ware muß noch durch ein drittes Land (Österreich) gehen.
Dieses Beispiel, das für die Art des Handelsverkehrs unter den Nachfolgestaaten bezeichnend
Die Rolle des
Exporthänd-
lers und des
Kommissio-
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Der Durch-
fuhrhandel