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Erwin Respondek,
heute in ein festes Amortisationsschema einzulassen, wie sie es vielleicht
bei Anleihen einhalten müßte. Sie kennt ihre finanzielle Lage nach
Friedensschluß nicht und ist auch in völliger Unkenntnis darüber, welche
außergewöhnlichen Quellen nach dem Kriege zu ihrer Verfügung stehen
werden. Sie muß die Ereignisse des Krieges und seine Folgen erst abwarten.
Um aber über das Rückzahlungsversprechen hinaus der Notenbank
ein konkretes Unterpfand zu geben und damit gleichsam die bankpoli
tischen und staatsfinanziellen Gegensätze zu überbrücken, verpflichtete
sich der Staat, bei Abschluß der neuen Vorschußverträge die bestehende
Schuld ein Jahr nach Kriegsende mit 3 % zu verzinsen. Hiervon sind
2 % an einen Amortisationsfonds abzuführen, der behufs Abzahlung
der Staatsschuld an die Bank zu bilden ist. Vorher sollen aber aus diesem
Fond die Verluste gedeckt werden, die der Bank aus Wechseln erwachsen,
die infolge des Wechselmoratoriums notleidend werden sollten.
Die direkten Vorschüsse an den Staat weisen, wie die Aufstellung
zeigt 1 ), eine stetig steigende Tendenz auf. Sie waren am:
1. Oktober 1914 2100 Mxll. Frcs.
1. August 1915 6500 „ „
1. Oktober 1915 7100 „ „
1. August 19x6 8500 „ „
Diese Vorschüsse wurden allein durch eine entsprechende Noten
emission durchgeführt. Dies blieb auch keinesfalls ohne schädliche
Einwirkungen auf die Währung. In dem Abschnitte „Währung“ wird
dieses Moment eine eingehende und kritische Betrachtung finden.
Die oben ausgeführte direkte Inanspruchnahme der Zentralbank zur
Finanzierung des Krieges ist nicht ihre einzige Hilfe und nicht ihr einziges
Verdienst gegenüber dem Staate. Ihre tatkräftigen Hilfsaktionen bei
den Anleihedurchführungen des Staates im Inland und Ausland, die
indirekten Vorschüsse an die verbündeten und befreundeten Staaten
bilden gleichfalls eine nicht zu unterschätzende Hilfe. Sie sollen später
näher ausgeführt werden.
Als in den letzten Tagen des Juli 1914 die Möglichkeit eines Kriegs
ausbruches erörtert wurde, stürmten die Depositen-Gläubiger zu den
Kredit-Banken, um dort ihre Einlagen zurückzufordern. Alles wurde
mitgerissen und die furchterfüllten Übertreibungen der kommenden
ungewissen Zeiten riefen in den Kreisen der Bankgläubiger eine Panik
hervor. Viele unter ihnen erinnerten sich der Vorgänge des letzten Krieges
im Jahre 1870/71 und befürchteten eine neue Belagerung von Paris.
Sie verbreiteten rasch ihre damaligen schmerzlichen Erfahrungen: Kapital
und Einkünfte waren damals unerreichbar. Dies glaubten sie auch jetzt
annehmen zu können. Die Privatbanken versuchten zunächst, den An
stürmenden Befriedigung zu gewähren. Sie konnten ihre Zahlungs
pflichten nur dann erfüllen, wenn sie den ihnen vorgezeichneten legi
timen Weg beschritten: die Rediskontierung ihres Wechselportefeuilles
bei der Notenbank. Diese Rediskontierungen seitens der Kreditbanken
x ) Vgl. Tabelle I.