Full text : Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

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Bernhard Harms

In den Ländern, deren weltwirtschaftliche Beziehungen sofort aufhörten,
machte sich dies am nachhaltigsten geltend. Aber auch jene Länder,
welchen dauernd weitaus die meisten aller Produktivkräfte der Welt
verfügbar waren, mußten sich Jahre hindurch mit empfindlichen Lücken
in der kriegswirtschaftlichen Bedarfsdeckung abfinden. Dieser Übelstand
 zeitigte den Entschluß, die volkswirtschaftliche Produktion künftig
so zu gestalten, daß die Abhängigkeit im Falle eines Krieges auf das
geringstmögliche Maß herabgesetzt werde. In England hat in diesem
Zusammenhang sogar der Begriff der Schlüsselindustrie, auf deren Wesen
und Bedeutung zurückzukommen sein wird, eine Erweiterung erfahren.
Nicht nur die Farbenindustrie, sondern auch Glasindustrie, optische
Industrie, die Herstellung von Drogen, Chemikalien und wissenschaftlichen
 Instrumenten werden dort vom Standpunkt der »nationalen
Sicherheit in Kriegszeiten« als Schlüsselindustrien bezeichnet, deren Entwicklung
 unbekümmert um den Rentabilitätsgesichtspunkt zu fördern ist.
In bezug auf die eigentlichen Rüstungsindustrien hatten sich die Großmächte
 schon in der Vorkriegszeit zu dem Grundsatz bekannt: Geschütze,
Gewehre, Geschosse, Panzerplatten und Kriegsschiffe mußten im eigenen
Lande hergestellt werden. Heute wird diese Praxis sogar in den kleineren
europäischen Staaten befolgt, erst recht aber in den großen überseeischen
Staatsgebilden, die eisengewaltig zu werden bestrebt sind, weil die nationale
 Sicherheit es angeblich erfordert. Angesichts der Bedeutung, die die
chemische Industrie für die moderne Kriegführung hat, wird auch
deren Entwicklung in allen Ländern, die es sich einigermaßen leisten
können, emsig gefördert. Sogar die Züchtung von Textil- und Lederindustrie
 wird nicht selten als militärische Notwendigkeit hingestellt.
Zwar ist die Sicherheitsidee hier nicht allein maßgebend, und es besteht
in der Regel wenig Neigung, derlei Industrien dauernd aus öffentlichen
Mitteln zu subventionieren. Eben daraus leitet sich dann das Bestreben
ab, die zunächst um der Sicherheit willen benötigten Industrien aus sich
selbst heraus lebensfähig zu machen und ihnen durch entsprechende
handelspolitische Maßnahmen mindestens auf dem Inlandmarkt angemessenen
 Profit zu gewährleisten. Die Objektivation der Sicherheitsidee
in der Volkswirtschaftspolitik — soweit sie sich auswirkt in erhöhtem
Bedarf an Kriegsmaterial, seiner Nachfrage und seinem Angebot auf
den internationalen Märkten — führt deshalb nicht nur zu Umstellungen
in Handel und Produktion, sondern gleichzeitig auch zu veränderter,
die Bedeutung der einzelnen Wirtschaftsgebiete abwandelnder Raumgliederung.

Bekanntlich stehen nicht nur Rohstoffgewinnung und Stoffverarbeitung
 unter der Herrschaft der Sicherheitsidee, sondern auch die Landwirtschaft.
 Ein Beispiel dafür ist Deutschland. Fast die gesamten auf
            
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