Contents: Gesellschaftslehre

104 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
kriegerischen Führern oder führenden Persönlichkeiten des geistigen und 
sozialen Lebens, besonders soweit sie neben ihren sachlichen Fähigkeiten 
über eine ungewöhnliche Stärke des persönlichen Eindrucks verfügen; 
und vielleicht ist diese Eigenschaft allen mit persönlichen Führerquali- 
täten ausgestatteten Menschen eigen. Die Funktion dieser Über- 
tragung ist klar. Wie bei den Tieren Erlebnisse eines einzelnen Ge- 
schöpfes den übrigen zugute kommen, so werden hier Werte einer Per- 
sönlichkeit in ihrer ganzen Umgebung wirksam. Speziell vereinheitlicht 
die führende Person durch ihren Einfluß die Gruppe in ihrer inneren 
Verfassung. Wenn dann neue Personen in sie eintreten und eine einheit- 
liche Haltung in ihr vorfinden, so werden sie wiederum von dieser an- 
gesteckt. Innerhalb der Gemeinschaft sehen wir so eine erhöhte Tendenz 
zur Ansteckung erstens vom Führer ‚und zweitens von der Gruppe im 
Ganzen ausgehen. In den persönlichen Gemeinschaftsverhältnissen nach 
Art der Ehe und Freundschaft können gleichfalls starke ansteckende 
Wirkungen auftreten; und zwar sind sie auch hier überwiegend vom 
Stärkeren zum Schwächeren gerichtet. 
Auf den empfangenden Teil wirkt die Gefühlsübertragung je nach ihrem In- 
halt zwiespältig: Zustände der Frische, Spannkraft und Arbeitsfreudigkeit werden als 
eine Förderung, Zustände entgegengeseßter Art als eine Beeinträchtigung erlebt. Im 
ersteren Falle erwächst aus dem Erlebnis der Förderung ein besonderes Motiv jener 
Verehrung, die dem fördernden Menschen überhaupt im Zusammenhang des Unter- 
ordnungswillens entgegengebracht wird. Im andern Fall verbindet sich mit der Be- 
einträchtigung des Gesamtbefindens durch den schwächlichen Menschen leicht eine 
Regung des Kampftriebes gegen den Urheber dieser Beeinträchtigung ($ 7,,). 
Endlich ist noch hier der Wechselwirkungen zu gedenken, 
die sich bei der Gefühlsausbreitung abspielen. Der Widerhall, den ein 
Gefühlszustand findet, wirkt auf ihn in der Regel im Sinne einer Steige- 
rung. So erlangt bei einem Theaterpublikum die in jedem Einzelnen vor- 
handene beifällige Stimmung durch Kundgebungen und Rückwirkung 
erst ihre spezifische Stärke. Auch der Führer, dessen Stimmung und Ge- 
sinnung bei seiner Gruppe Widerhall finden, wird dadurch seinerseits 
in ihnen gestärkt, womit wieder die entsprechende Verfassung der ganzen 
Gruppe gesteigert wird. Daß endlich die leidenschaftlichen Ausbrüche der 
sogenannten Masse ohne diese Tatsache undenkbar sind, liegt auf der 
Hand. Diese Wechselwirkungen sind für eine allgemeine Theorie der 
menschlichen Gesellschaft besonders lehrreich: wir sehen hier die ein- 
zelnen Menschen nebeneinander ohne jene Schranken, die sie nach der 
landläufigen Vorstellung wesenhaft voneinander trennen; sie erscheinen 
ohne Widerstandsfähigkeit, ohne Selbständigkeit als willenlose Träger 
eines Gefühlsstromes — kurz in jenem Zustande innerer Verbundenheit. 
der den eigentlichen Gegenstand dieses Kapitels ausmacht.
	        
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