Full text: Untersuchungen über das Versicherungswesen in Deutschland

R. Mueller und E. Mittermüller, Lebensversicherung. 
ist nicht abzusehen. Prophezeiungen hierüber sind ein mißlich Ding. 
Es liegen die Verhältnisse bei der privaten Lebensversicherung doch 
wesentlich anders als z. B. bei der Sozialversicherung, die mit ihrer ge 
schlossenen Zahl von Vermögensträgern und ihrem auf Zwangsversicherung 
aufgebauten System Zu- und Abgang der Versicherten und damit auch 
die finanzielle Entwicklung mit annähernder Sicherheit voraussehen kann. 
Die private Versicherung dagegen ist von der wirtschaftlichen Konjunktur, 
vom Entstehen neuer Konkurrenzen (z. B. Angestelltenversicherung) und 
anderen in dunkler Zukunft liegenden Umständen in hohem Maße ab 
hängig. Für den Zeitraum der nächsten zehn Jahre wird man aber 
auch in der privaten Lebensversicherung mit einigermaßen verläßlichen 
Zahlen rechnen können. 
Nimmt man einen jährlichen Vermögenszuwachs von 230 Mill. Mk. 
an, so werden die Kapitalbestände Ende 1922 auf ca. 7 1 /3 Milliarden Mk. 
angewachsen sein. Auf Hypotheken werden hiervon etwas über 
6 Milliarden Mk. entfallen. Es ist dabei mit einem Jahresznwachs 
von 190 Mill. Mk. gerechnet, und dieser Durchschnittssah absichtlich 
niedrig gegriffen, weil sich die Vergrößerung der Hypothekenbestände an 
scheinend etwas verlangsamt. Der jährliche Zuwachs an Wertpapieren 
und Darlehen an Kommunen ist sehr wechselnd. Veranschlagt man ihn 
auf durchschnittlich 15 1 /« Mill. Mk., was den Zahlen der Jahre 1902 
bis 1909 entspricht, so gelangt man für das Ende des Jahres 1922 auf 
etwa 470 Mill. Mk. Die Policendarlehen werden sich bei Annahme eines 
Durchschnittszuwachses von 20 Mill. Mk. an jenem Zeitpunkt auf 
etwa 575 Mill. Mk. belaufen. Der Wert des Grundbesitzes vermehrt 
sich, da der Bedarf der Gesellschaften an Geschäftsgrundstücken im wesent 
lichen gedeckt ist und andere Grundstücke nicht erworben zu werden 
Pflegen, fast nur durch den Wertzuwachs, und dieser kommt meist in den 
Bilanzen nicht zum Ausdruck, sondern bildet stille Reserven. Legt man 
gleichwohl die in Tab. 23 Spalte 3 aufgeführten Zahlen und die daraus 
sich ergebende durchschnittliche Jahresvermehrung zugrunde, so kann man 
Tür das Ende des Jahres 1922 den Bilanzwert des Grundbesitzes aus 
etwa 120 Mill. Mk. schätzen. 
Mit gewaltigen Summen kann die deutsche Volkswirtschaft dank der 
Spartätigkeit der privaten Versicherungsunternehmungen jetzt und in Zu 
kunft rechnen. Mögen die Kapitalien stets so angelegt und verwaltet 
werden, daß nicht nur die an der Lebensversicherung interessierten Kreise, 
sondern auch die Allgemeinheit daraus den richtigen Nutzen zieht!
	        
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