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Elftes Buch. Zweites Kapitel.
hinabgestiegen sei und den Untergang des Reiches erstrebe. Dem
allem aber fand sich in dem Schriftstück ein weiteres angehängt:
eine emphatische Zustimmung zur Lehre von der Armut Christi und
die Erklärung, der Papst, der dieser Lehre widerstreite, sei ein Ketzer.
Was bedeutete und bezweckte dieser Zusatz?
Die Lehre, Christus und die Apostel hätten völlig eigen—
tumslos in reiner Armut gelebt, ist uralt; schon einem britischen
Anonymus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts ist sie be—
kannt gewesen. Eine große Bedeutung aber gewann sie erst
von dem Augenblick an, wo die theokratische Verweltlichung der
Kirche durch das Papsttum kräftige Gegenwirkungen hervorrief.
Diese Gegenwirkungen, aufangs noch von unbestrittenen
Heiligen der Kirche wie Bernard von Clairvaux veranlaßt,
wurden seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Sache
einer immer schärferen kirchlichen Opposition. Mit der älteren
Sekte der Humiliaten sich vermischend, ergaben sich die Armen'
Oberitaliens ganz dem Ideal apostolischen Armutslebens; im
Jahr 1184 wurden sie vom Papst Lucius III. gebannt. Gleich—
zeitig predigte Waldes durstigen Seelen des Rhonethals ver—
wandte Weisheit: Ihr sollt nicht Gold noch Silber, noch Erz
in Euren Gürteln haben; auch keine Taschen zur Wegfahrt,
auch nicht zween Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken!.
Und in freiwilliger Armut, in apostolischem Umherziehen lebten
die Waldenser dahin, denn des Menschen Sohn hatte nicht
gehabt, wohin er sein Haupt legte. Die Gefahr war groß,
daß dieser Kult der Armut, zunächst nur ein stummer Vorwurf
gegen die verweltlichte Kirche, zur lauten Kritik der kirchlichen
Institutionen und Lehren führen werde. Sie trat spätestens
um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts ein; es war
hohe Zeit, daß die Kirche sich die immer mächtiger werdende,
auf Vergeistigung der weltlich gewordenen Kirche drängende
Strömung einverleibte und dienstbar machte.
Der heilige Franz von Assisi und der heilige Dominicus
waren es, welche den Häretikern ihre Waffen entrissen und sie,
1 VBgl. Matth. 10. Es sind die Ideale au ät ä
ee ch späterer Schwärmer,