fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

302 Zweiter Teil. Kandel. XV. Amtliche Kandelsvertretungen. 
in seinen Räumen zum ersteninale die angesehensten Kaufleute der Stadt zusammen, 
um über Wohl und Wehe ihres Gewerbes weise Zwiesprach zu halten. Durch die 
steilen, winkeligen Straßen zwischen düsteren Klostermauern hindurch stiegen sie seitdem 
jahraus, jahrein empor, um ihre eigenen Interessen gegen einander und gegen die des 
Gemeinwesens abzuwägen. Denn sie wußten sehr gut, daß das Wohl des Platzes 
mit dem Gedeihen der eigenen Kandlung ganz eng verknüpft war. Katte doch die 
Kraft und der Stolz, welchen die Bürger aus dem Emporblühen ihrer überseeischen 
Gewerbtätigkeit herleiteten, die Stadt allezeit stark und unabhängig erhalten, dergestalt, 
daß sie noch 1524 den Lonneluble von Bourbon aufs Kaupt schlug und Keinrich 
dem Vierten bis zum Jahre 1596 die Anerkennung versagte, zu einer Zeit, da dieser 
Fürst für andere Gebiete der französischen Kerrschaft längst der „geliebte König" 
geworden war. 
Die Kandelsaristokratien der Städte haben sich gegen die emporsteigende Fürsten 
macht nie und nirgends auf die Dauer behaupten können; sie waren eben Einzel 
gebilde, denen der befruchtende nationale Untergrund fehlte. Aber daß sie eine Zeit 
lang in hoher Blüte und Macht standen, verdanken sie in erster Linie ihren politischen 
Einrichtungen, durch welche die Staatsleitung in die Kand derjenigen gelegt war, von 
deren Unternehmungsgeist und Fleiß der heimische Wohlstand und Einfluß ausging, 
in die Kand der großen Kandelsherren. Die Regierungen der großen freien Kandels 
emporien, wie sic die Kansa in Deutschland aufwies, und wie sie in allen Kultur 
ländern für eine Weile bestanden haben, waren von dynastischen Interessen unbeirrt, 
schafften unmittelbar für das wirtschaftliche Leben ihrer Vaterstadt, entzogen demselben 
gar keine oder nur geringe Kräfte für abseits liegende, sogenannte höhere politische 
Zwecke und zeigten deshalb eine Macht, die zu der Größe ihrer Bevölkerungen und 
ihrer Gebiete in sehr ungleichem Verhältnisse stand. Ansere freien Städte legen 
Zeugnis davon ab, welche Stürme solche Llnmittelbarkeit der Interessen zu überdauern 
vermag: ihr Wappenschild ist frei und selbstherrlich geblieben bis in die gegenwärtige, 
jenen Tagen ganz fremde Zeit. Erst da, wo die Eifersucht der Patrizierherrschaft 
innere politische Kämpfe heraufbeschwor, wo an die Stelle der gemeinsamen Interessen 
das besondere Interesse gewisser Koterien und Gruppen trat, ging die Blüte solcher 
Gemeinwesen verloren, und erst weit später, wenn der Anschluß an die Nation den 
Ausgleich brachte und eine weise Fürsorge guter Fürsten zu Kilfe kam und Ersatz 
bot, ist ein Teil des Glanzes wiedergekehrt. 
In dem Augenblicke, in welchem die Unterwerfung Marseilles unter das fran 
zösische Königsszepter vollendet war, etwa zur selben Zeit, als Ludwig XIV. ihre 
Freibriefe zerriß, sah die intelligente Kaufmannschaft die Notwendigkeit, ihre Kandels 
interessen — nun nicht mehr der sichtbare und unmittelbare Endzweck der Regierungs 
tätigkeit — besonders zu vereinen und zu vertreten. Durch Beschluß vom 3. No 
vember 1650 begründeten sie eine eigene öffentliche Körperschaft, welche aus 8 der 
angesehensten Großkaufleute und aus 4 Vertretern bedeutender auswärtiger Kandlungs- 
häuser gebildet war. Das war die erste Kandelskainmer in Europa. Sie hat, 
einige Unterbrechungen abgerechnet, die durch die großen polittschen Umwälzungen 
herbeigeführt wurden, bestanden bis auf den heutigen Tag; der glänzende Prachtbau 
der Börse, welcher durch die Form des griechischen Tempels an die ältesten Tage der 
alten Kellenenkolonie erinnert, und den die Kammer in den Jahren 1854—1860 auf 
eigene Kosten aufführen ließ, gibt Kunde von ihrer Tättgkeit, welche seit der Eroberung 
Algiers und der Eröffnung des Suezkanals den Glanz des neuen Marseille wesentlich 
gefördert hat. 
Die Interessen wirtschaftlicher Erwerbsgruppen scharten sich also zu besonderen 
Vertretungskörpern zusammen, naturgemäß zuerst da, wo man intelligent genug war, 
aus dem Wirrwarr ungezählter politischer Momente heraus die Notwendigkeit einer
	        
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