Y 4. Buch. V. Teil. Die Steuern.
die Tatsache, daß mehrere Vertreter des Sozialismus denselben
ganz geringschätzig behandeln: „Une fraise jet&e dans la gueule du
loup“ (Proudhon).
18. Abhängigkeit des Staatseinkommens von der
Einkommensverteilung. Ein Einwand, der gegen den pro-
gressiven Steuerfuß erhoben wird, besteht darin, daß hierbei die
Steuerverbindlichkeit und das Einkommen des Staates ganz von
der Einkommensverteilung abhängt. Wenn z. B. die Bewohner
einer Gemeinde 100000 Mark Einkommen besitzen, so wird beim
proportionalen Steuerfuß das Einkommen des Staates stets dasselbe
sein, mag sich die Einkommersverteilung wie immer gestalten. Ganz
anders beim progressiven Steuerfuß. Wenn das Einkommen so
verteilt ist, daß das Einkommen aller unter dem Existenzminimum
bleibt und dieses steuerfrei ist, so wird das Einkommen des Staates
gleich Null sein. Ebenfalls gering ist es, wenn es wohl das Exi-
stenzminimum übersteigt, aber nur um ein Geringes. Zwei Ge-
meinden würden bei demselben Gesamteinkommen verschiedene
Steuereingänge aufweisen, je nachdem sich die Einkommensverteilung
gestaltet. Hiergegen ist wohl zu erwidern, daß der oben voraus-
gesetzte Fall zu den Ausnahmen gehört und daß bei großer Gleich-
heit der Verhältnisse in der Tat der progressive Steuerfuß keine
Funktion zu erfüllen hat. Dies führt zu folgendem hinüber.
19.GroßeKEinkommensdisparitäten Voraussetzung
des progressiven Steuerfußes. Der progressive Steuerfuß
hat selbstverständlich nur dort größere Bedeutung, wo sich in der
materiellen Lage der Staatsbürger große Disparitäten zeigen.
Schriftsteller, wie Leroy-Beaulieu, Boccardo u. a. begrün-
den ihre Gegnerschaft gegen den progressiven Steuerfuß auch da-
mit, daß die Ungleichheiten im Einkommen immer mehr schwinden.
Die dieser Auffassung nicht huldigen, halten den progressiven
Steuerfuß um so gerechtfertigter — wie dies auch Neumann
sagt — weil die großen Einkommen leichter zu verheimlichen sind,
wie die kleinen. Als ziemlich gewiß kann angenommen werden,
daß die Besitzer großer Einkommen niemals oder nur äußerst
selten mehr Steuern zahlen als gerechtfertigt, da sie eine größere
Orientiertheit besitzen und ihnen alle Waffen der Verteidigung
zur Verfügung stehen, während der kleine Mann in dieser Beziehung
viel ungeschickter ist.
20. Die Steuertheorie und die Progression. Außer
diesen praktischen Gesichtspunkten mag auch der Umstand zur
Beruhigung dienen, daß die verschiedensten Richtungen der Steuer-
theorie zur Forderung der progressiven Besteuerung gelangten:
3092