Wirtschaftsgeschichte der deutschen Kolonien
zu ergänzen im Kampfe gegen Feinde ringsum —
Engländer und Inder, Südafrikaner und Portu—
giesen, Belgier und Farbige aus ganz Afrika, ja
aus Westindien — die hunderttausend Plantagen⸗
arbeiter, die als Träger im Trosse der Truppe
folgten und auf den schnell gebahnten Etappen—
straßen wie die Ameisen auf und ab marschierten,
die ganze Beölkerung des Landes, die Nahrungs—
mittel baute und brachte für das kämpfende Heer:
sie alle zeigten, was deutsches Beispiel, was
deutsche Erziehung in einem Menschbenalter zu⸗
wege gebracht hatte: die völlige Umwandlung
einer fremdrassigen Bevölkerung, die Erfüllung
mit deutschartigem Pflichtbewußtsein. Das ehrte
beide Teile, den gebenden wie den empfangenden,
den Lehrer wie den Schüler. Zwang“ Wer
hinderte Askari und Träger am Weglaufen in
den endlosen Buschwäldern? Freude am Krieger—
leben? Wer fühlt noch Freude, wenn es Monat
für Monat, Jahr für Jahr heißt: Rückzug vor
einem hundertfach stärkeren Feinde, mit knurrendem
Magen, in Frost und Hitze, in Regenzeiten und Tagen
der Krankheit, abgerissen, halbuackt, ohne Arznei und
ohne Sold? Und sie hielten aus, auch dann noch,
außerhalb der Heimat, auf portugiefischem und
britischem Boden, als es auch dem Blödesten klar
sein mußte, daß auf Sieg nicht zu rechnen war:
Pflichtgefuhl und Anhänglichkeit“' Brutale Aus—
beuter hätten sich diesen Arbeiterschlag erzogen?
Nie und nimmer! Und wenn sie die Treue hielten
noch nach dem Abschub der deutschen Herren,
wenn 1918 90, 880/0 trotz des feindlichen
Besasungsdruckes für die Rückkehr der Deutschen
stimmten, dann kann dem nur das Gefühl zu—
grunde liegen: Treue um Treue.
Schon seit mindestens zwei Jahrzehnten vor
dem Kriege war in Verwaltung und Schutztruppe
das Prinzip durchgeführt worden, daß die Besten
gerade gut genug seien für den Kolonialdienst.
Und das trug bei Tanga seine Früchte. Tanga
ist ein Sieg der deutschen Methoden über britische,
der deutschen Eingeborenenpolitik über die englische
und damit der deuischen Kolonialpolitik, der
deutschen kolonialen Befähigung über die angel—
sächsischel Der zehn — von Engländern erzogene
— indische Soldaten vor sich herjagende Askari
aus deutscher Schule, der drei britischen Berufs—
soldaten überlegene deutsche Pflanzer, zeigen das
Ergebnis dreier Jahrzehnte deutscher Kolonial⸗
tätigkeit: eine zum Pflichtgefühl und zur Mannen—
treue erzogene farbige Bevölkerung und eine aus
Persönlichkeiten zusammengesetzte und zu Erziehern
einer farbigen Rasse berufene weiße Amiedler—
schaft. So ist der Tangatag mit Recht der allge⸗
meine Kolonialgedenktag. An ihm wurde das
Wißmanndenkmal wieder aufgestellt als allgemeines
deutsches Kolonialdenkmal. Es ist keine Frage,
daß ein anderer Mann mehr als Wißmann den
deutschen Kolonialwillen zum Ausdruck bringt:
Carl Peters. Dieser wollte Kolonien schaffen.
Als Jüngling noch, in Vondon, faßte er den Plan,
Deutschland zur Kolonialmacht werden zu lassen.
And er führte den Plan durch. Deuisch-Ostafrika
rerdanken wir ihm. Wißmann ging im Äuftrage der
Wissenschaft nach Afrika, nach dem internationalen
dongostaat. Aber als das Vaterland ihn rief in
)er Stunde der Gefahr, als die Rebellion der
arabischen Sklavenbalter die Autorität der deutsch—
»stafrikanischen Gesellschaft weggefegt hatte, da
tellte er sich zur Verfugung und stabilifierte ver—
nittels der schnell von ihm gegründeten Schutz—
ruppe die Reichsautorität in Ostafrika wie einen
ocher de bronce. Der ZSivilist Peters war der
krupellose Eroberer, der Blutvergießen nicht scheute,
der Milttär Wißmann rühmte sich, ohne Menschen—
eben zu vernichten, Afrika zweimal durchquert zu
zaben. Wißmann, der „mit weißer Weste aus
Afrika zurückgekehrt ist“ Wismani akili arbain
Wißmann mit dem vierzigfachen Verstande), wie
hn die Sugheli noch heute bewundernd nennen,
Wißmann ist deshalb mit Recht der Repräsentant
inserer Kolonialmethode, die väterlich-patriarcha—
isch war, und streng nur, wo es unbedingt sein
nußte. Aber neben das Tenkmal unserer Kolonial⸗
nethode, die bei Tanga sich so siegreich erwies,
zehört unbedingt das Denkmal unseres unent—
vegten Kolonialwillens, den Carl Peters repräsen⸗
iert. Deshalb wird die Abteilung Hamburg der
Deutschen Kolonialgesellschaft auch das Denkmal
»es deutschen Cecil Rhodes hoch am Elbestrand
rufstellen, den ausfahrenden deutschen Überseern
ein Symbol unserer Hoffnungen für die Zukunft,
hen Fremden aber ein Wahrzeichen, daß Deutschland
iun und nimmer gewillt ist, auf seine kolonialen
Ansprüche zu verzichten!
Es ist auch nicht ohne Bedeutung, daß beide
Denkmale Ostafrikanern errichtet sind. Ostafrika
st die einzige unserer Kolonien, die eine Geschichte
jat. Westafrika war gegen die Welt in viel
)öherem Grade abgesperrt. Die Hafenarmut,
»ie ungehemmt heranbrandende Kalema, machte
»ie Westküste unzugänglich. Eine einheimische
Zegelschiffahrt hat hier nie bestanden. Und
zußerdem panzerte sich das ungastliche Gestade
noch durch schier unüberwindliche Hindernisse,
zurch den breiten Wüstengürtel der Namib im
Züden, durch die wochenweiten Urwälder in
damerun. Ostafrika, im Monsumgebiet gelegen,
nit vielen leicht zugänglichen Häfen, lag im
Zandelsgebiet Arahiens und Indiens und emp—
ing von dort seine erste Halbkultur. Freilich
zrachte ihm Arabien den Sklavenhandel mit allen
einen Greueln. Aber dasselbe wurde auch
Westafrika zuteil, nur noch härter und unmensch—
icher. Die Organisation der grabischen Sklaven—
sändler kam, verglichen mit Westafrika, über den
dleinbetrieb nicht hinaus, weil auch das Bedürf—
nis des fast nur an der Küste besiedelten Arabiens
zeringfügig war. Anders Westafrika. Der un⸗
endlich überlegene Organisations- und Erwerbs—
zeist des Europäers wirkte sich hier viel ener—
zischer und skrupelloser aus, zumal Amerikas