Rationalisierung der Land-
wirtschaft
VON K. SCHNEIDER-KLEEBERG (NIEDERWALLUF)
FRANKFURTER ZEITUNG
L. MORGENBLATT VOM 7. MAI 1926
Auch für die Landwirtschaft ist die Not zu allen Zeiten der
beste Lehrmeister gewesen. Sie zwingt den Menschen, nach
Mitteln der Selbsthilfe Umschau zu halten, Sie ist der wirk-
samste Hebel des Fortschrittes. Aus der Notlage der Landwirt-
schaft entsprangen in der Neuzeit die Landarbeitsforschung und
Landarbeitslehre als neue Wissensgebiete, Sie stehen, durch die
Agrarkrise bedingt, als verheißungsvolle Zweige der landwirt-
schaftlichen Betriebswissenschaft heute im Vordergrund des
Interesses, Auch in den Kreisen der Hochschutzzöllner beginnt
man einzusehen, daß die jetzige Agrarkrise letzten Endes nur
durch eine planmäßige Rationalisierung auf allen Arbeitsgebieten
der Landwirtschaft zu überwinden ist. Nicht zum wenigsten
haben zu dieser neuen Erkenntnis die Berichte der landwirt-
schaftlichen Sachverständigen beigetragen, die im verflossenen
Jahre Amerika im Auftrage von Regierungen und Hochschulen
bereisten und die nun dem Landwirt in Wort, Schrift und Film
klar machten, wie weit wir in den agrarischen Produktions-
methoden hinter unseren Konkurrenten zurückgeblieben sind.
Verbilligung der Erzeugung, Standardisierung, Herstellung von
einheitlichen Qualitätsmarken, Normung und Typung,
Verkürzung des Weges vom Erzeuger zum Verbraucher, Zu-
sammenschluß in Produktivgenossenschaften usw. sind plötzlich
die wichtigsten Aufsaben unserer Landwirtschaft geworden.
Früher hatte die Landwirtschaftswissenschaft den großen
Fehler gemacht, daß sie den Menschen als solchen nicht ge-
aügend beachtete, Mit der Feststellung menschlicher Leistungen
beschäftigte man sich viel zu spät. Dadurch sind wir gegenüber
unseren stärksten Auslandskonkurrenten verhängnisvoll ins
Hintertreffen geraten. Die Erziehung sowohl des landwirt-
schaftlichen Betriebsleiters als auch des Landarbeiters muß in
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