Full text: Die Industrialisierung der deutschen Landwirtschaft, eine neue Phase kapitalistischer Monopolherrschaft

e) Expansionspolitik des Agrarkapitals 
Zum „Notprogramm' im weiteren Sinne gehören zwei Maß- 
nahmen, von denen die eine ohne viel Aufsehen durch ein scheinbar 
sehr nebensächliches Gesetzlein im Reichstag — nur die Kommu- 
nisten hoben sofort die weittragende Bedeutung dieses Gesetzes her- 
vor — getätigt wurde, die andere im preußischen Landtag und in 
der Presse viel Staub aufwirbelte. Es handelt sich um das Gesetz 
zur Erweiterung des Tätigkeitsbereichs der Ren- 
tenbankkreditanstalt vom 31, März 1928 und um die Er - 
höhung des Stammkapitals der Preußischen Zen- 
tralgenossenschaftskasse (Preußenkasse) von 45 Millio- 
hen auf 175 Millionen RM. Die „Preußenkasse‘ ist juristisch zwar 
immer noch ein öffentlich-rechtliches Unternehmen für die landwirt- 
schaftlichen und gewerblichen Genossenschaften Preußens, ist aber 
in Wirklichkeit längst zum zentralen Kreditinstitut der landwirt- 
schaftlichen Genossenschaften im ganzen Reich emporgewachsen. 
Der erbitterte Streit, der einige Wochen lang zwischen Deutsch- 
nationalen und Preußenregierung tobte, und in dem alle Hilfskräfte 
der Junker, vom Deutschen Landwirtschaftsrat bis zum .Zentral- 
verband der deutschen Bankiers und Bankeri mobilisiert wurden, 
Sing nicht um die Frage der Anteilserhöhung — damit waren alle 
Seiten einverstanden — sondern um die Art der Verwendung dieser 
Gelder, d. h, um den Posten des Präsidenten der Preußenkasse, um die 
Besetzung von Direktorium und Verwaltungsrat, um die sogenannten 
„Minderheitsrechte‘“ der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die 
mit nur 15 Millionen Mark Anteilen den 160 Millionen der Preußen- 
tegierung gegenüber ihre Lage als „hoffnungslos” schilderten. Hinzu 
kam der Plan des neuen Präsidenten der Kasse, des früheren Leiters 
der Preußischen Domänenbank, Klepper, der eine scharfe 
Kontrolle der Darlehensgewährung und -Ver- 
Wendung bis hinunter in die letzte Genossenschaftskasse und in 
den einzelnen Betrieben organisieren wollte. Auch hier ging der 
Streit weniger um das Prinzip der Kontrolle — das Finanzkapital 
fordert diese Kontrolle kategorisch als Voraussetzung. weiterer Kre- 
ditschübe — als um die Autonomie derGenossenschafts- 
Verbände, die selber ‚diese Kontrolle ausüben wollen. Wie 
vorauszusehen, schloß in letzter Stunde die Preußenregierung mit 
den Rechtsparteien und dem Junkerkapital ein Kompromiß, wonach 
an der Zusammensetzung des engeren und erweiterten Ausschusses 
der Preußenkasse vorläufig nichts geändert wird, der maßgebende 
Einfluß des Agrarkapitals also gesichert ist, dagegen die Verwaltung 
nach kaufmännischen Prinzipien umgestellt wird, Damit wurden 
Wichtige finanzielle Voraussetzungen der landwirtschaftlichen Ratio- 
Nalisierung und Industrialisierung sowie der Entwicklung zum 
agrarkapitalistischen Monopol geschaffen,‘ Der Widerstand der 
Junker hatte zum vollen Erfolg geführt. 
_ Sehr bald sollte sich der überraschten Oeffentlichkeit zeigen, wO- 
hin das Agrarkapital hinaus wollte, und wofür nicht nur die Renten-
	        
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