298 Zwõlftes Buch. Drittes Lapitel.
Fortschritts; mit ihren besten Schöpfungen reicht sie dicht
heran bis an die Vorhöfe der individualistischen Kultur, deren
Pforten sich im 15. Jahrhundert weithin erschließen sollten.
Der dichterischen Bewegung war ein weniger günstiges
Schicksal beschieden. Das litterarische Interesse des eben er—⸗
wachsenden Buürgertums war gering, die Sitten waren zwar
etwas weniger konventionell wie die der staufischen Ritter—⸗
zeit, aber um vieles unfeiner; ein roher Ton herrschte, und
seine unflätigen Außerungen erstickten die weicheren Laute des
Herzens. So kam es erst spät zu dichterischen Bestrebungen
der führenden bürgerlichen Schichten, und niemals wandten
diese sich den zarten Gattungen der Dichtkunst zu: die Lyrik in
fast allen ihren Weisen verstummte, nur die Satire erblühte in
derber Geißelung der Personen und Zustände, und die pöbel—⸗
und possenhaften, grobgestalteten Anfänge des Dramas kamen
empor.
Im Beginn aber des neuen Zeitalters und teilweis durch
dessen ganzen Verlauf hin nahmen alte Formen der Dichtung
die unbesetzten Stellen ein und wucherten nunmehr üppig und
regellos. Der Minnesang der Stauferzeit wurde handwerks—
mäßig weiter gepflegt im Meistersang der bürgerlichen Kreise;
die Anmut der Verse wurde durch deren Anzahl ersetzt, Kunst
ward zur Künstlichkeit, Grazie zur Geziertheit, Gefühl zur
Phrase. Die alten Erzählungsstoffe der ritterlichen Gesellschaft
kamen im Gefolge humanistisch⸗litterarischer Einwirkungen von
Frankreich her ins Land: Loher und Maller, Lanzelot, die
schöne Melusine: in Prosaform, ihres koketten Versgewandes
entkleidet, fanden sie Zuflucht bei der Teilnahme des besseren
Bürgerstandes und des niederen Adels. Vor allem aber schwoll
neben diesen Resten der Stauferzeit der Born uralt⸗lyrischer
Poesie aus den Tiefen des Volks von neuem mächtig empor:
das 14. Jahrhundert ward zur ersten, uns noch erkennbaren
Blütezeit unseres Volkslieds. Von Jahr zu Jahr, von Ort zu
Ort wechselten dessen Stoffe und Weisen. Unbenannt und un—
persönlich tauchten die neuen Lieder auf und verschwanden, bis
sie seit der Mitte des 185. Jahrhunderts — ein Zeichen des